Samstag, 11. Juni 2011

Galerie der Klassiker: Schweden liegt im Andromeda-Nebel

Kinder, wie die Zeit vergeht: Dies ist der 101. Blog-Eintrag seit ich Tinnitus Attacks online gebracht habe. So ein Miniatur-Jubiläum muss gefeiert werden. Darum hat heute eine neue Rubrik Premiere: Die "Galerie der Klassiker". Hier sollen nicht mehr ganz taufrische Platten auftauchen. Scheiben, die mich geprägt haben, die mir wichtig sind, an denen Erinnerungen hängen.

Den Anfang macht heute eine Platte, die auch elf Jahre nach ihrer Veröffentlichung kein bisschen Staub angesetzt hat, wöchentlich in meiner Anlage rotiert und ein absolutes Meisterwerk in meinen Ohren darstellt. Die Rede ist von "Ad Astra", der unerreichten 2000er-Platte der schwedischen Stoner-Rocker Spiritual Beggars. Und weil ich alles Wichtige zu dieser Platte schon 2000 in unserer damaligen Schülerzeitung geschrieben habe, will ich Euch an den Zeilen von damals Teil haben lassen. Bitte:

Vergesst alles, was Ihr bisher über die Spiritual Beggars gehört habt. Die Band stammt nicht aus Schweden und spielt definitiv keinen Retro-Rock. In Wirklichkeit handelt es sich bei den vier Musikern um Außerirdische aus dem Andromeda-Nebel, die mit ihrer Musik allen irdischen Klangtruppen zeigen, wo's langgeht. Dabei dienen Querverweise auf alte Größen wie Deep Purple oder Black Sabbath lediglich als grobe Orientierungshilfen, denn die Beggars surfen durch ihr ureigenes Klanguniversum.

Mit Michael Amott (der auch bei den Ikea-Deathern von Arch Enemy die Saiten quält) hat man einen ebenso talentierten wie ideenreichen Gitarristen an Bord, der mal bluesige Riffs, mal psychedelische Klangzaubereien vom Stapel lässt, um im nächsten Moment aggressive Metal-Attacken auszupacken. Die äußerst songdienlich eingesetzte, von Per Wiberg immer akkurat gespielte Hammond-Orgel lässt natürlich nur eine Assoziation zu: Jon Lord. Und Basser und Vokalist Spice (sieht trotz eindrucksvollen Bartes und heftigem Bauchansatz nicht so gut aus wie eines der gleichnamigen Mädels) ist für die Band ebenso wichtig wie es Lemmy für Motörhead ist. Bei Highlights wie "Wonderful World", "On Dark Rivers", "Blessed", "Until The Morning" (mit einer Extra-Portion Doom) oder dem absoluten Überhit "Angel of Betrayal" fahren die außerirdischen Schweden geballte Qualität und jede Menge technisches Können verbunden mit einem sicheren Händchen für die richtige Mischung aus Feeling, Power und lässiger Spielsicherheit auf. 

Jederzeit hörbar ist auch die Entwicklung, die die Beggars hinter sich haben: Während auf "Mantra III" ("Monster Astronauts", "Lack of Prozac" und "Euphoria sind natürlich immer noch kreative Höhepunkte) noch ausgiebig gejammt wurde, kommen die Songs jetzt viel besser auf den Punkt. Vor allem hat man sich diesmal einen Totalausfall wie "Superbossanova" geklemmt. Lediglich bei "Escaping the Fools" und "The Goddess" wirkt manche Songidee nicht ganz so zwingend. Dafür gibt es wie schon auf "Mantra III" auch dieses mal wieder eine gute Portion Ironie, die sich in Textzeilen wie "never had a longer relation with the female sex" oder "my dog is sitting by my side - what a wonderful world" zeigt.

Bleibt unterm Strich ein exzellentes Album, bei dem lediglich zwei von 13 Nummern keine Volltreffer sind und das Freunden hochwertiger Rockmusik mit dezentem Blues-Einschlag und vereinzelten Ausflügen in metallische Gefilde uneingeschränkt empfohlen sei. Übrigens: Solltet Ihr die Chance haben, die Spiritual Beggars live zu erleben, lasst Euch diesen Ohrgasmus nicht entgehen. Auf dem Metal 2000 Festival in Mammheim rissen die Schweden letztes Jahr einen energiegeladenes Wahnsinnsset runter und überzeugten als fähiges Team, mit dem in Zukunft ophne Zweifel unbedingt zu rechnen ist.

Soweit meine damalige Rezi. Es gab vier von fünf Sternen. Leider verließ Spice die Band nach diesem Album, machte mit seiner "Mushroom River Band" zwar den im Kern selben Sound, fehlte den Beggars aber. Ich glaube, ich war nicht der einzige Fan, der sich abwandte, als der "neue" Sänger JB nachrückte. Der ist inzwischen auch wieder Geschichte. Ich hab Spice mal gemailt, ob er mal wieder was mit der Mushroom River Band macht. Er antwortete prompt, sagte aber, da sei nichts geplant. Wer Spice' Stimme vermisst, dem seien "Kayser" und sein anderes Projekt "Spice and the RJ Band" ans Herz gelegt. Die Magie von "Ad Astra" fing aber nichts mehr ein. Was mich noch mehr ärgert: Auf dem Metal 2000 gab es sehr stylishe Longsleeves mit dem "Ad Astra"-Cover. 25 D-Mark erschienen mir damals als zu teuer (kein Kommentar...). Falls das jemand liest, der damals eins gekauft hat: Ich bin ernsthaft interessiert, sagt mir Euren Preis!

Die ganze Stärke der Band gibt es jetzt im Video zu "Angel of Betrayal" nochmal zu hören.

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