Donnerstag, 5. Mai 2011

Hörtest: 8in8 - Nighty Night

Willkommen zum literarischen Quartett. Man nehme drei Teile Musik und einen Teil Schriftstellerei - heraus kommt eines der kuriosesten Experimente des Musikjahres. Spontane Songskizzen von schrulliger Schönheit. Ist ja auch kein Wunder, bei der Besetzung.

Amanda Palmer (Dresden Dolls, Evelyn Evelyn), Ben Folds, Damian Kulash (OK Go) und Neil Gaiman (Autor von u.a. Coraline und American Gods): Allein die Konstellation ist ja schon so genial unwirklich. Die vier Verrückten haben sich zusammengetan, um in acht Stunden acht Songs aufzunehmen (siehe Blog-Eintrag hier). Die Idee entstand bei einem Symposium des Berklee College of Music in Boston. Zum Glück hatte Amanda Palmer diesen Gedanken. Die Szene wäre sonst um ein paar schöne, schräge und ungewöhnliche Songfragmente ärmer.

Der Opener "Nikola Tesla" lebt ganz von der herrlich kurzatmigen Stimme Amanda Palmers, die sich überschlägt, überbetont und so theatralisch wirkt wie sich Theater kaum zu sein traut. Frau Palmer auch am Piano, da weiß man wieder, warum man die Dresden Dolls so toll findet. Die Idee, den Erfinder zum Mittelpunkt überbordender Liebeslyrik zu machen, ist genial. Nicht minder geistreich "Because The Origami" mit Ben Folds am Piano, in dem ein Elternpaar (Amanda Palmer und Ben Folds in diesem Song) die Versuche aneinanderreiht, dem Kind ein Hobby schmackhaft zu machen. "One Tiny Thing" fällt da direkt etwas ab, weil zu gewöhnlich. "Twelve Line Song" (aka "The Squirrel Song") müsste eigentlich am Ende der Platte stehen, denn man kann sich die Nummer gut vorstellen als Bühnenmusik, wenn alle Theaterschauspieler nochmal vor den Vorhang treten und sich verbeugen. "I'll Be My Mirror" erinnert an die ungeschlagene Phoebe Buffay ("Friends") - wenn sie Songs schreiben könnte. Und dann mündet die Platte in den Auftritt des Fantastik-Meisters: Das marschierende "The Problem With Saints" klingt, als würde Severus Snape zum Mikro greifen und sich von einem Angetrunkenen am Piano begleiten lassen. Aber es ist Neil Gaiman himself (Amanda Palmers Ehemann übrigens), der hier ein verqueres Szenario entwirft, von Jeanne D'Arc, die eine zweite Chance will, um ein neues Heer zusammenzustellen. Und wie schwierig das eben ist, wenn Heilige so unter sich sind. Bei 1:36 gibt es ein  grandios vertupftes Klaviersolo, dem völlig schnurz ist, ob ein schräger Ton dabei ist.

Es sind solche Projekte, die die Musikwelt ihrer Oberflächlichkeit und ihrer Berechenbarkeit berauben. Und das ist verdammt gut so. Bitte mehr von "8in8", der Band, die acht Songs in acht Stunden aufnehmen wollte. Es sind dann nur sechs Stücke geworden und sie haben 12 Stunden gebraucht. Aber das ist ja wohl Korinthenkackerei.

Die Songs kann man für einen Dollar (oder mehr, wer mag) an dieser Stelle herunterladen.

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