Dienstag, 12. April 2011

Konzertkritik: The Thermals in Aarau

The Thermals.
Support: The Coathangers.
Kiff, Aarau (CH), 11. April 2011 
Text und Fotos: Daniel Drescher 

Adern wie Stromkabel:
Hutch Harris in Aktion.
Die Adern am Hals von Hutch Harris treten so deutlich hervor wie Starkstromkabel unter einer Tapete. „Say you're wasting away/say you're wasting your days/I don't believe you“, spuckt er ins Mikro, das er später mit dem Handtuch abtrocknen wird. Sie müssen raus, die Gefühle, die Gedanken, die Textfetzen, die wirken, wie an einem verregneten Nachmittag im Diner auf die Serviette gekritzelt. Der erste Song, den Harris mit einem seiner besten Gitarrenriffs eröffnet, reißt sie gleich alle mit, die tanzwütigen Indie-Miezen, die extrovertierten Solo-Tänzer, die tapsigen Nerd-Mitwipper. Der urige Holzboden im Aarauer Kiff muss einiges aushalten.

Puls der Band:
Bassistin Kathy Foster
Es ist dieses Abrupte, was die Thermals dermaßen formidabel macht. Und unverwechselbar: Hutch Harris' Stimme würde man noch mit zugetackerten Ohren aus Tausenden heraushören, sie klingt derartig eindringlich, gehetzt, aufgewühlt. Es braucht eben nicht mehr als Gitarre, Bass und Schlagzeug, wenn die Substanz stimmt. Die Songs sind minimalistisch reduziert und so gut. Kathy Foster übernimmt mit ihrem Linkshänder-Bass gerne mal die Führung, besonders bei den pulsierenden Songs des aktuellen Albums „Personal Life“. Dabei wirbelt sie ihre Locken durch die Luft, lässt wüste Feedback-Orgien aus ihrem Instrument quellen und wirkt immer wieder wie der Mittelpunkt der Band. Wobei: Frontmann-Getue hat hier eh keiner nötig. Drummer Westin Glass macht ebenso den Anheizer, wenn er das Publikum zum Klatschen oder Mitsingen auffordert.

Immer auf den Punkt:
Westin Glass an den Drums
Stichwort Mitsingen: Kaum eine Band bringt es fertig, „Ooooohoooohoooo“s unprätentiöser klingen zu lassen. Ob bei der ungeschönten Zivilisationskritik „Now we can see“ oder der doppelbödigen Liebeserklärung „Your Love Is So Strong“, platt klingt dieses klassische Punk-Stilmittel hier nicht. Überhaupt sind die Thermals die Punkrocker unter den Indie-Musikern. Kurz und prägnant, immer auf den Punkt – so lieben die Fans das. Die Setlist lässt wenige Wünsche offen, alle Phasen werden gewürdigt. Nach dem fulminanten Auftakt gibt es „It's Trivia“ und „Brace And Break“ vom Debüt „More parts per million“, mit „Returning To The Fold“ dann die erste Verschnaufpause. Mit die meisten Songs stammen von „Personal Life“, dem introvertiertesten Album der Band. Funktioniert live aber einwandfrei, kein Wunder bei solchen Textzeilen: „You Only Exist To Be Replaced“. Hier analysiert jemand Beziehungen nicht, sie werden seziert. Vom furiosen Zweitling „Fuckin' A“ kommt der andere Großteil der Songs zum Zug. Das Album gilt vielen als der kreative Höhepunkt, bevor die Thermals mit „The Body The Blood The Machine“ etwas zahmer, aber nicht schlechter wurden.

Sie reißen ihre Songs schneller als auf Platte runter, kaum einer dauert ohnehin länger als drei Minuten. Nach 20 Songs, nach etwas mehr als einer Stunde ist Schluss. Der Vorhang schließt sich, die „Zugabe“-Rufe verhallen ungehört. Und was ist mit „No Culture Icons“ oder „God And Country“? Man kann nicht alles haben. Man hat trotzdem das Gefühl, eine der relevantesten Indie-Bands gesehen zu haben.

Überdreht: Die Coathangers spielen
Punkrock wie er beabsichtigt war.
Ach ja: Die Coathangers machen vorher ihren Job als Anheizer gut, haben aber mit dem klassischen Vorband-Syndrom zu kämpfen: Kaum jemand vor der Bühne. „You're a tough crowd“, konstatiert Schlagzeugerin Stephanie Luke. Der Sound der vier tätowierten Punkbräute ist kaputt und überdreht, völlig chaotische Keyboardeffekte drängen sich zwischen den unbekümmerten Gesang. Einsatz verpasst, Note schief? Egal. Punkrock. Klingt ein bisschen wie die „5.6.7.8's“ aus Tarantinos Kill Bill – wenn die sich immer brav 77er-Punkbands reingezogen hätten. Kathy Foster und Westin Glass von den Thermals tanzen dabei in der ersten Reihe. Die meisten waren wohl eher wegen dieser zwei und ihrem Starkstrom-Vokalisten gekommen. 

Mehr Fotos findet Ihr auf der Facebook-Seite von Tinntus Attacks.

Setlist The Thermals: 

I Don't Believe You
It's Trivia
Brace And Break
Returning To The Fold
We Were Sick
Our Trip
Every Stitch
Not Like Any Other Feeling
Never Listen To Me
Here's Your Future
I Might Need You To Kill
A Stare Like Yours
End To Begin
Power Lies
Your Love Is So Strong
Back To Gray
How We Know
Overgrown, Overblown
Now We Can See
Pillar Of Salt

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