Samstag, 19. August 2017

Hörtest: At the Drive In - Inter Alia

At The Drive In sind so etwas wie Schutzheilige eines Musikgenres: Für Ihre Anhänger haben die Ton gewordenen Großtaten fast Kultcharakter, und für viele Fans war diese Post-Hardcore-Band lang etwas, das man aus Erzählungen kennt, aber nicht selbst erlebt hat. 17 Jahre nach ihrem Meilenstein "Relationship Of Command" mit dem Überhit "One Armed Scissor" legte die Band nun im Mai diesen Jahres ein neues Werk vor. 2001 hatte sich das Kollektiv getrennt, die Kreativköpfe Omar Rodriguez und Cedric Bixler waren seither (bis 2013) mit The Mars Volta aktiv (Antemasque muss man natürlich auch erwähnen), während Jim Ward mit Sparta durch die Botanik rockte. 2012 fanden At The Drive In dann wieder zusammen, spielten umjubelte Live-Shows - und zeigen nun mit "Inter Alia", wie anstrengend, fordernd und facettenreich Gitarrenmusik sein kann.

Wenn man nun konstatiert, dass At The Drive In quasi da weitermachen, wo sie mit "Relationship of Command" aufgehört haben, ist das eine zwiespältige Sache. Denn qualitativ ist das zwar ein Kompliment, andererseits heißt es aber auch, dass sich die Band nicht weiterentwickelt hat, oder? Doch legt man die musikalische Klasse der Platten zugrunde, die Bixler und Rodriguez in der Zwischenzeit veröffentlicht haben, kann das gar nicht sein. Dass "Inter Alia" nicht den gleichen Überraschungseffekt liefert der 2000er Klassiker, ist auch klar. Was die Platte aber definitiv von anderen abhebt, ist dieses surreale Gefühl: 40 Minuten lang hat man hier das Gefühl, vorgeführt zu bekommen, was möglich ist, wenn jemand ernsthaft Musik machen und eigene Visionen vertonen will anstatt sich gängigen Schemata zu unterwerfen. Wir beklagen uns doch immer, wie eintönig die moderne Popmusik mit ihren Einheitssongwritingfabriken ist. Hier haben wir ein Album, das deutlich macht, wie es auch sein könnte.

"No Wolf Like The Present" mit seinen Gitarrendissonanzen, die wie kleine Störsender dazwischenfunken macht den Anfang. "Continuum" begeistert mit Gesang wie Parolen durchs Megafon gerufen, Phaser-Gitarreneffekt und einem irren Flüsterintermezzo. "Governed By Contagions" tönt unheilbringend in den Strophen und bösartig im Refrains, fantastisch. Bei "Pendulum In A Peasant Dress" wirkt der Bass extrem prägnant, während "Incurably Innocent" von einem genialen Anfang lebt. Der Song wirkt zudem wie die Antithese zu einem Powermetalstück, denn Gitarren und Gesang sind extrem nah beieinander und hier braucht es nur den Gesang von Cedric Bixler und keine dick aufgetragenen Männerchöre mit aufgesetztem Pathos und Pomp, um zu begeistern. Nur so ein Gedanke, kein Diss von einem, der selbst als Metalnerd aufgewachsen ist. Extrem überraschend wirkt "Ghost-Tape No. 9". Der langsame Rhythmus stellt einen angenehmen Kontrast zu den ansonsten treibenden Beats auf dem Album dar. Irgendwie sehe ich immer Bilder aus der aktuellen dritten Staffel von David Lynchs Serienmonster Twin Peaks vor mir, Schwarzweißtöne und Sepiafarben vor dem geistigen Auge.

Eine Platte, die Zeit und Aufmerksamkeit verlangt. Lohnt sich dann aber auch.

"Inter Alia" ist am 5. Mai 2017 bei Rise Records erschienen. Hier noch das Video zu "Governed By Contagions": 

Samstag, 12. August 2017

SZene-Hörtest: Nine Inch Nails - Add Violence

Es ist schon ein bisschen her, dass meine Besprechung der neuen Nine Inch Nails-EP "Add Violence" in der Schwäbischen Zeitung erschienen ist (27. Juli, SZene-Seite). Aber da mich dieses Stück Musik nachhaltig beeindruckt hat, könnt Ihr hier meine Zeilen zu den fünf neuen Songs aus dem House Reznor lesen.

Besonders das letzte Lied auf der Platte, "The Background World", mit seinen minutenlangen Loops, die von Mal zu Mal zerschossener klingen, hat es mir angetan. Und ja, ich weiß, dass es 52 Schleifen sind, und dass Trent Reznor 52 Jahre alt ist. Für den Soundgenuss finde ich das allerdings fast schon egal.

Samstag, 22. Juli 2017

Was heißt schon retro? Wolfmother im Interview

Als Wolfmother vor 12 Jahren (auch schon wieder...) ihr Debüt veröffentlichten, war das für mich ein Meilenstein. Nicht umsonst hab ich die Platte hier schon in der Galerie der Klassiker besprochen. Dieses Jahr konnte ich beim Southside Kreativlockenkopf Andrew Stockdale treffen und interviewen. Was dabei herausgekommen ist, könnt Ihr per Klick aufs Bild lesen. Erschienen am vergangenen Dienstag auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung.

Samstag, 8. Juli 2017

Hörtest: Kraftklub - Keine Nacht Für Niemand

Ich bin etwas im Verzug mit dem Besprechen musikalischer Neuerscheinungen. Bei der Arbeit ist viel los (siehe meine Berichterstattung zu Rock im Park oder Southside), ein bisschen Sport muss auch sein und hin und statt vorm Laptop sitzen geh ich auch mal gern in den Wald. Und dann sehe ich: Oh, die neue At The Drive In ist raus. Die neue Body Count wollte ich auch noch besprechen, eine wichtige politische Platte in diesen Zeiten. Mist, die Cloud Nothings hab ich auch noch nicht hier vorgestellt. Aber ich hol auf. Und die nächsten Monate halten auch noch etliche verdammt wichtige Platten bereit - ich sag nur Queens Of The Stone Age und Foo Fighters. Na jedenfalls: Jetzt fange ich mal an, aufzuholen, was zu kurz kam in den vergangenen Monaten. Den Anfang machen Kraftklub mit Studioalbum Nummer 3.


Vorweg: Der Überraschungseffekt ist weg, soviel war klar. Die flirrenden Gitarren, die tanzbaren Rhythmen, dazu Felix Brummers lässig-gelangweilter Sprechgesang: in Fleisch und Blut übergegangen, mit der musikalischen DNA der hiesigen Indierockszene verschmolzen. Das ist aber nicht negativ gemeint, nein, denn die Mixtur hat sich bewährt. Wer auf die großen Festivals geht, kam in den vergangenen Jahren nicht an Kraftklub vorbei, und die Shows waren immer energiegeladen und überraschend. Ob die Band beim Ring mit einer fahrbaren Hebebühne in der Menschenmenge auftauchte oder zur Präsentation von "In Schwarz" mit Drama und Feuerwerk beim Southside beeindruckte - Kraftklub haben Bock, spielen lieber mit Genre-Konventionen statt einfach nur
Shows.

Mit "Keine Nacht Für Niemand" fügen sie ihrem bisherigen Songkaleidoskop ein paar neue Facetten hinzu. Luftiger, variabler wirken die Nummern - das ist auf einem Album nicht in jedem Moment zwingend, macht sich aber im Live-Kontext dafür sehr gut. Mit "Fan von Dir" kann ich weniger anfangen, und "Dein Lied" könnte von mir aus auf den platten Provokationskniff verzichten. Dafür gibt es mit "Hausverbot (Chrom & Schwarz)" einen Song, der sich irgendwie nach 60er/70er-Protestsogns anfühlt und einen Ton Steine Scherben-Vibe atmet, was ja zum eben jener Band Tribut zollenden Wortspiel-Albumtitel passt. Und es gibt auch sonst viel zu entdecken, kleine Anspielungen, Referenzen, etwa, wenn in "Sklave" plötzlich eine Melodie aus "Small Town Boy" von Bronski Beat auftaucht. Dass das Stück in seiner Arbeitswelt-Kritik gleichzeitig die SM-Blödeleien von Die Ärzte rezitiert ("Bitte Bitte") gehört da genauso dazu wie das Zitat mit den Möbeln, die für den Tanzboden weichen müssen ("Venus"). Die erste Single "Fenster" ist ein gleichermaßen sarkastisches wie wütendes Statement in Richtung der Wutbürger/Lügenpresse-Fraktion und wird durch einen Gastvocals von Farin Urlaub geadelt. In "Am Ende" steuert Sven Regener (Element Of Crime) ein paar Gesangszeilen bei.

Das Schöne an Kraftklub ist auch, wie sich die Band Classic-Rock-Riffing aneignet ohne peinlich zu sein ("Hallo Nacht") oder Rock'n'Roll-Gitarren und Kopfstimme einsetzt ("Liebe zu Dritt") und trotzdem etwas völlig Eigenes aus diesen Versatzstücken kreiert. Fazit: Nicht das beste Album der Band, aber Fans werden es ins Herz schließen und können bedenkenlos zugreifen.

"Keine Nacht für Niemand" ist am 2. Juni 2017 bei Vertigo Berlin (Universal Music) erschienen. Hier das Video zu "Sklave":

Samstag, 1. Juli 2017

Hörtest: London Grammar - Truth Is A Beautiful Thing

Gitarre, Schlagzeug, Bass: Die Grundzutaten für Musik, mit der ich etwas anfangen kann. Geht es um Verzerrte E-Gitarren, muss der Regler nicht mehr auf elf stehen, aber etwas Distortion hat noch nie geschadet. Umso überraschter war ich von mir selbst, dass mir die neue Platte von London Grammar gefällt. Aber dieser Sound ist einzigartig. Meine Plattenkritik ist am 20. Juni auf der SZene-Seite der Schwäbischen Zeitung erschienen. Per Klick aufs Bild könnt Ihr den Text lesen.

Sonntag, 18. Juni 2017

Hörtest: The Scandals - Lucky Seven

Purer schweißtreibender Rock, robust wie eine Bartheke und süffig wie das Bier aus dem Zapfhahn dahinter. The Scandals zeigen mit "Lucky Seven", wie man mitreißende Gitarrenmusik macht - auch wenn sie das Rad lediglich etwas weiterdrehen statt es neu zu erfinden. 

Selten habe ich einer Platte in letzter Zeit so sehr angehört, wo sie sich geographisch verorten lässt. Vom ersten Ton dieser fünf Songs umfassenden EP an ist sofort die Assoziation da: New Jersey. Allerdings denkt man nicht an den wohl prominentesten Musiker aus diesem Bundesstaat, an Bruce Springsteen. Dafür an die Band, die als vom Boss inspiriert gilt, aber eben inzwischen auch schon zum Einfluss für viele andere geworden ist: The Gaslight Anthem. Deren Frontmann Brian Fallon hat passenderweise auch den Job des Produzenten für diese Handvoll neuer Songs übernommen. Jared Hart, Sänger der Scandals, ist mit Fallon wiederum in dessen Solobegleitband The Crowes aktiv.

The Scandals wurden ein Jahr vor TGA gegründet, aber meines Wissens klangen sie auf früheren Aufnahmen etwas räudiger als auf der neuen EP. Das soll aber alles nicht negativ gemeint sein. Im Gegenteil. Die Songs gefallen mit ihrer ungebremsten Euphorie und man kann sich richtig vorstellen, wie die Meute in einem kleinen Club dazu pogt, schwitzt und das Bier verschüttet.

Der Opener und Titeltrack gefällt mit seinem lässigen und geradezu klassischen Songintro. "Emerald City" erinnert an Red City Radio, die übrigens nicht aus dem Garden State kommen. "Hostage" lehnt sich zwischendurch sogar ganz entspannt zurück, nur um gleich darauf mit einem sehr coolen Hi-Hat-Wirbel den Song wieder voranzutreiben. "Birthmarks" wirkt mit seinen sehnsüchtigen Gitarren fast schon countryesk, während "Calling Cards" von seinen dynamischen Stimmungs- und Rhythmuswechseln lebt.

"Lucky Seven" von The Scandals ist am 28. April via Panic State/Say-10 Records erschienen. Hier hört Ihr "Hostage": 

Sonntag, 11. Juni 2017

Galerie der Klassiker: Audioslave - dto.

Ich saß  in einem Café am Flughafen von Manchester, um nach Wales weiterzureisen, als ich von Chris Cornells Tod erfuhr. 52. Es war surreal, es konnte nicht sein. Aber es war wahr. Bevor er Suizid beging, trat er im Fox Theatre in Detroit auf. Ich kenne den Ort. 2004 hab ich dort Deep Purple und Thin Lizzy gesehen. Und auch mit Chris Cornell verbinde ich viele Erinnerungen. Die jüngsten sind erst ein paar Wochen alt, denn vor Kurzem hab ich mir "Down On The Upside" endlich in einem Plattenladen gekauft, eine Platte, die mich schon lange begleitet, aber aus unerfindlichen Gründen noch nicht in physischer Form in meinem Schrank stand. Denn es war diese Platte, mit der ich 1996 Soundgarden für mich entdeckt habe. Zuvor kannte ich zwar Hits wie "Black Hole Sun" (das verstörende Video lief bei MTV rauf und runter) oder "Jesus Christ Pose" (dazu musste Robert Palmer mal in einem Viva-Porträt was sagen). Doch richtig gepackt haben mich erst Songs wie "Blow Up The Outside World" und "Burden In My Hand" mit ihrer packenden Mischung aus Härte und Emotion.

Doch an dieser Stelle soll es um Audioslave gehen und um das Debüt dieser - darf man sie Supergroup nennen? 3/4 Rage Against The Machine und die eindringlichste Stimme des Grunge - Gott, das klingt wie ein schmieriger Werbeslogan (und ist ein bisschen respektlos gegenüber dem noch lebenden Eddie Vedder, aber auch den bereits verstorbenen Größen Kurt Cobain, Layne Stayley und Scott Weiland). Ich war ziemlich aufgeregt, als ich die selbstbetitelte Platte 2002 in Händen hielt. Zu dem Zeitpunkt stand ich extrem auf Led Zeppelin und Black Sabbath und wollte mich mehr in den 70er-Sound vertiefen. Rage Against The Machine waren Dauergäste in meiner Stereoanlage (also natürlich nicht die Band selbst, dafür war das Gerät zu klein, harhar).

Jedenfalls: Die Platte eingelegt und dann ging es los mit diesen abgefahrenen Gitarrensounds, die so typisch sind für Tom Morello. Der Drumbeat legt vor, und dann endlich setzt dieses kreiselnde Gitarrenriff ein und bereitet den Weg für die unerreichte Stimme von Chris Cornell. "Cochise" war einer der ersten Songs, die ich mir auf der Gitarre versucht habe beizubringen. Die "Guitar" erklärte genau, wie das Noisegate den Ton am Anfang erzeugt (war es so? In meiner Erinnerung jedenfalls). Das war etwas Neues, und klar, RATM klangen irgendwie an hier, aber es war trotzdem kein Abklatsch, sondern etwas Eigenes. Das eindringliche "Show Me How To Live", das melancholische "Shadow On The Sun", das lagerfeurige "I'm The Highway", das, ähm, explosive "Exploder" - das waren Großtaten von Songs, die mir einmal mehr klar machten, warum ich auf Gitarre, Bass und Drums stehe und nicht auf Ibiza-Discokack, Technogeballer oder Plastikschrott.

Wie unersetzlich Chris Cornell mit seinem Stimmumfang von fast vier Oktaven ist, fiel mir dann beim diesjährigen Rock im Park auf, wo ich für die Schwäbische Zeitung als Fotograf im Einsatz war (hier geht's zur Bildergalerie). Die Prophets of Rage holten für ein Cover von "Like A Stone" Serj Tankjan von System Of A Down auf die Bühne. Ich halte SOAD für eine fantastische Band und Tankjan für einen guten Sänger, aber er traf die Töne nicht komplett und man wollte ihm immer einen Schubs geben, damit er diese Differenz von ca. einem Viertelton noch geregelt bekommt.

Album Nummer zwei von Audioslave euphorisierte mich auch noch, aber nicht mehr so stark wie das Debüt. "Revelations" hab ich bis heute nicht gehört. Aber das ist das Schöne an Musik: Sie ist auch noch da, wenn Ihre Schöpfer uns verlassen haben. Sie bleibt und will entdeckt werden.

Das selbstbetitelte Debüt von Audioslave ist am 18. November 2002 via Epic (Sony Music) erschienen.