Montag, 24. April 2017

Konzertkritik: Ghost in München, April 2017

I ain't afraid of no Ghosts. Eine Textzeile, die so ziemlich jedes in den 80ern aufgewachsene Kind mitsingen konnte. Traf auf mich auch zu, also das Mitsingen. Die Zeile an sich - nun ja. Paranormal Activity 2 fand ich schon ziemlich gruselig, The Ring damals auch und Drag Me To Hell hat mich wirklich ausgefreakt. Ich bin eher so der Zombie-Splatter-Typ, wenn es um Horror geht. Psychohorror mit Alltagssymbolen ist viel verstörender als Kunstblut. 

Aber ich schweife ab. Ghost sind auch eher die Kategorie aus dem Titelsong zur Zeichentrickserie "Ghostbusters". Denn auch wenn die schwedische Band vordergründig Dod und Deibel beschwört, mit okkulter Symbolik spielt und jedes Konzert als Ritual bezeichnet, sind Papa Emeritus III. und seine Nameless Ghouls doch eigentlich eine harmlose Rockband, deren provokantes Satanismus-als-Weltreligion-Gedankenspiel in punkto evil niemals mit unserer abgefuckten Realität mitthalten kann. Darüber habe ich mich kürzlich auch schon mit dem Bandgründer im Interview unterhalten

Wer steckt hinter den Ghouls-Masken? Ist es am Ende egal?
Der Einstieg ist mit "Square Hammer" und "From The Pinnacle To The Pit" grandios gewählt. Es sind die stärksten Songs der aktuellen EP "Popestar" und des 2015er-Albums "Meliora", mit denen die Band in ihr Set einsteigt. Vom ersten Ton an ist die Band präsent. Die Nameless Ghouls posen in ihren schwarzen Soutanen und ihren anthrazitfarbenen Dämonenmasken um ihr Leben, überragt von drei Backdrops mit sakralen (bzw. wohl eher blasphemischen) Bildern.  


Der Trick bei Ghost besteht darin, poppige Refrains wie "He Is" unterzujubeln - und gleichzeitig eine Art Lobpreismusik unter umgedrehten Vorzeichen zu machen. Grandios "Year Zero", dieser tanzbare und doch hart rockende Hymnus. Auf Effekte verzichten Ghost weitgehend, etwas Kunstnebel, irgendwann Konfetti, dafür immer wieder atmosphärische Lichtstimmungen. Der Klang leidet etwas unter dem typischen Zenith-Sound. Dafür macht die Band mächtig Spaß und gibt sich sehr agil. Sind das neue Musiker? An ein paar Stellen meint man, andere Akzente zu bemerken, aber das kann auch den Schlagzeilen der letzten Tage geschuldet sein - wüsste man das nicht, würde man wahrscheinlich nichts merken. Euphorische Reaktionen ernetete auch "Ghuleh (Zombie Queen)", sich ja gegen Ende in einen derart fantastischen Höhepunkt schraubt. Apropos: Bevor die Zugabe "Monstrance Clock" ertönt, sorgt Papa Emeritus III mit seiner Ansage über weibliche Orgasmen Lacher.

Papa Emeritus III will Dich für seine Anhängerschar. 
Das Augenzwinkern, mit dem Ghost zuwerke gehen, war im Lauf des Abends schon da nicht zu übersehen, als der zuerst im Anti-Papstgewand und später im Dandy-Look auftretende Sänger mit dem Publikum "Ja"- und "Nein"-Mitsingspielchen veranstaltet. Hier wird die Eigenironie überdeutlich, mit der Ghost ihren Hobbysatanismus pflegen. Aber in Zeiten, in denen es ernsthaft Menschen gibt, die Darwin aus den Schulbüchern streichen wollen, ist Religionskritik etwas, das nach wie vor seine Berechtigung hat. Und Ghost machen dabei eine ziemlich gute Figur, gerade weil sie ihre Message subtiler verpacken als manch andere Kapelle. Dazu gehört ja auch der Trick, dass das 15-minütige Lied vor der Show den Namen "Miserere Mei" trägt und ein astreines Stück Kirchenmusik von Allegri ist. Satanische Kombo bringt Metaller dazu, christlich-chorale Klänge aus dem 17. Jahrhundert zu hören - nicht schlecht oder? 

Das Zenith (in das das eigentlich im Kesselhaus geplante Konzert verlegt wurde) war übrigens nicht gerade übervoll. Wo Anfang April bei den Broilers drangvolle Enge herrschte, war diesmal ein Teil der Halle abgehängt, Platz zum Headbangen fand sich genug. Auch mal eine feine Sache, wenn man nicht ständig angerempelt wird. Die Vorband verströmte übrigens eher gepflegte Langeweile. Zombi sind ein amerikanisches Duo, das mit seinem Mix aus hypnotischen Synthieklängen und Beats an die Musik und die Filme von John Carpenter erinnert. Passt aber natürlich zum Konzept: Die Streifen findet man heute wohl nicht mehr gruselig - da schließt sich dann der Kreis zu den Ghostbusters.

Text und Fotos: Daniel Drescher

Mehr Fotos aus München findet Ihr hier:   
Ghost in München 2017

Sonntag, 9. April 2017

Ghost im Interview: "Es gibt nichts Dunkleres als blinden Glauben"

Melodie und Mummenschanz – das sind die elementaren Zutaten, mit denen sich die schwedische Rockband Ghost seit fast zehn Jahren einen Namen in der Rock- und Metalszene (und auch etwas darüber hinaus) gemacht hat. Die Maskenträger stehen in der Tradition von Bühnenshow-Künstlern wie Alice Cooper. Im Interview spricht „A Nameless Ghoul“, wie die anonymen Bandmitglieder lediglich heißen, über das nächste Album, Religionskritik als Bandkonzept – und wie schwer es ist, heutzutage noch zu schockieren.

Ihr seid gerade auf Tour und habt ein neues Album in der Mache. Wann werden wir es hören können?

Wir werden das Album Anfang nächsten Jahres herausbringen, im Herbst nehmen wir es auf. Eigentlich wollten wir anfangs nur in Europa Konzerte geben, aber es sind noch welche in Süd- und Nordamerika hinzugekommen, so dass das Album später erscheint als geplant.

Euer 2015er-Album „Meliora“ war von dystopischen Motiven geprägt. Habt Ihr bereits ein Konzept für das nächste Album?

Ja, ist ist fast komplett ausgearbeitet. Es wird eine Art Antwort auf „Meliora“ sein. Darauf ging es um die Abwesenheit Gottes. Wenn der Herr aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Sagen wir einfach: Auf der nächsten Platte kehrt Gott zurück...die Party ist vorbei.

Dann wird es für Euch nicht einfacher, oder?

Oh, aber es ist sehr inspirierend. Es gibt nichts Dunkleres als blinden Glauben.

Für Eure Fans macht das den Reiz aus: Ihr spielt mit religiösen Themen und versteht Euch ja quasi als "Lobpreisband" unter umgekehrten Vorzeichen, quasi wenn Satanismus und Christentum die Plätze tauschen würden.

Wenn man ins Philosophieren kommt über das Konzept von Gut und Böse sowie Religion, ist das ein schwieriges Thema. Es ist eben nicht so einfach, dass die gute Seite immer gut ist. Nichts hat mehr Schmerz verursacht als organisierte Religion. Es ist unglaublich, wie viel Leid Religion für ihre Anhänger und ihre Gegner mit sich bringt. Dabei soll sie eigentlich das Leben der Menschen verbessern – aber sie macht soviel kaputt. Ich sage nicht, dass Du unterdrückt bist, nur weil Du einen Glauben hast. Aber die organisierten Religionen sind dazu da, um Menschen zu kontrollieren, das ist kein Geheimnis. Es ist für lange Zeit eine große Hürde für viele Menschen gewesen. Das neue Album dreht sich um die Idee, dass Dinge auseinanderfallen, welche Rolle Gott dabei spielt und wie sich Menschen gegenseitig anklagen, dass sie diese Wut verursachen. Der Tag des Zorns, wenn Gott zurückkehrt – das ist unser Thema.

Der Flirt mit okkulter Symbolik war immer ein Bestandteil von Rockmusik, und immer gab es Kritiker und Eltern, die dachten, ihre Kinder seien auf dem direkten Weg zur Hölle. Heutzutage könnt Ihr noch so böse posen – die Realität mit all ihrem Terror überholt Euch rechts. Wie geht Ihr damit um?

Ich denke, es gibt einen großen Unterschied zwischen heute und den Anfängen der kommerziellen Rockmusik. Als Bands in den 60ern mit Okkultismus kokettierten, waren Eltern ganz anders drauf. Meine Mutter war in den 50ern und 60ern ein Teenager, sie war Teil der Hippiebewegung. Und heute – fragt Jugendliche, die 15, 20 Jahre alt sind – da hören die Eltern selbst Heavy Metal. Der krasse Graben zwischen Kindern und Eltern ist nicht mehr da. Wir wollten nie auf dieselbe Weise provozieren wie die Bands aus den 60ern. Aber das ist heute auch viel schwieriger. Alice Cooper und Black Sabbath hatten es leichter. Eben, die Realität ist schräger als die Fiktion. Die Menschen finden Erleichterung in der Kunst. Das ist das einzig Gute an dem Chaos, das wir derzeit erleben: Donald Trump ist Präsident – und es ist eigentlich gut für die Kunst. Sorry, aber das ist so.

Wenn man sich die Punkrockszene in den USA anschaut, trifft das wohl zu...in der Zeit von Obamas Präsidentschaft ist die Szene ziemlich eingeschlafen, aber jetzt hat sie wieder einen Gegner.

Exakt. So wie zu Präsident Reagans Zeiten. Es werden definitiv bessere Zeiten kommen.

Um Euren Sänger, der angeblich mit jedem Album ausgetauscht wird, haben sich Legenden gebildet, und auch sonst wird viel darüber spekuliert, wer bei Ghost mitwirkt. Gibt es auch zum neuen Album Wechsel in der Besetzung?

Wir hatten immer Besetzungswechsel. Es gab von Anfang an wenig Verbindungen zwischen der Band Ghost, die Alben aufnimmt, und der Band Ghost, die auf der Bühne steht. Und beim Tour-Lineup gab es andauernd Veränderungen. Ich denke, der einzige Grund, warum die Leute jetzt darüber diskutieren, ist, weil sie es eben bemerkt haben. Ich sehe das wie eine Besetzung bei einer Theateraufführung. Die verändert sich ja auch. Aber das ist auch natürlich: Es gibt nur wenige Bands, deren Lineup sich nicht verändert über die Jahre.

Welche Qualifikation muss man mit sich bringen, wenn man in die Robe des Ghouls schlüpfen will? Mit Maske und Soutane spielen, das kann nicht jeder, oder?

Heutzutage muss es jemand sein, der sehr ans Touren gewöhnt ist. Wir haben in der Vergangenheit mal den Fehler gemacht, einen Freund mit auf Tour zu nehmen, der noch nie weg von zu Hause war. Das endet normalerweise nicht gut. Auf Tour sein ist ein sehr spezieller Lebensstil, auf den man vorbereitet sein muss. Da bin ich also sehr wählerisch. Es muss jemand sein, der es gewöhnt ist, in großen Locations aufzutreten, das aber auch nicht für selbstverständlich hält. Sobald Du das tust, wird es schwierig.

Warst Du von Anfang an dabei?

Ich hab die Band 2008 gegründet und 2006 schon Musik für Ghost geschrieben. Bis 2010 war gar niemand außer mir in dieser Band, als das erste Album erschien. Von den Mitgliedern, die jemals mit dieser Band auf Tour waren, hat niemand auf „Opus Eponymous“ mitgespielt.

Gut zu wissen! Ich wusste ja nur, dass ich mit einem Nameless Ghoul rede... Eigentlich macht den Reiz bei Ghost ja auch aus, dass man nicht weiß, wer unter euren Kutten steckt. Im Netz wird viel über eure Identität gerätselt. Es würde den Mythos ankratzen, wenn ihr euch zu erkennen geben würdet, oder?

Es kommt darauf an, wie man sich selbst enthüllen würde. Ich selbst bin Ghost vollkommen verpflichtet, es liegt in meiner Verantwortung, die Bandmitglieder zu beschäftigen. Ich habe wenig Zeit für anderes – aber ich würde nie von jemand anderem das gleiche Engagement bei Ghost erwarten. Im Gegenteil, ich habe über die Jahre eher darauf bestanden, das die Musiker ihre anderen Projekte und Bands weiterbetreiben. Ghost lässt einem nicht viel Raum für den traditionellen Band-Lebensstil. Also ist es besser, wenn die Musiker ihr eigenes Ding machen können – aber ich erwarte auch nicht, dass sie dass dann unter Pseudonym tun. Wenn ich abseits von Ghost Musik mache, will ich das ja auch nicht anonym machen. Die Masken gehören zu Ghost, das ist unser theatralisches Konzept. Aber es gibt auch keinen Grund, sich zu offenbaren. Es wird nie den Moment geben, in dem wir die Masken auf der Bühne abnehmen. Das ist ein Unterschied zu einer Internetrecherche, bei der Du bei Wikipedia nachschauen kannst, wie groß ich bin. Es ist nicht verboten, zu wissen, wer ich bin oder wer Schlagzeug auf unseren Alben gespielt hat.

Aber würdest du mir deinen Namen verraten, wenn ich Dich jetzt danach fragen würde?

Nein, meinen wahren Namen nicht.

Ihr habt 2016 den Grammy für die „Best Metal Performance“ gewonnen. Euer Sänger nahm eine Reporterin aufs Korn, die wenigsten Leute dort kannten Euch. Wie war das – und was würde dieses Erlebnis toppen?

Ich nehme es niemandem übel, wenn er unsere Band nicht kennt. Vor allem nicht im Grammy-Umfeld. Das kann man nicht erwarten. Ich denke sogar, dass es gut so ist, auch wenn ich kein Geheimnis daraus mache, dass Ghost so groß werden sollen wie möglich. Denn dann können wir die Show spielen, die wir verwirklichen wollen, auf den großen Bühnen, die wir dafür brauchen. Jeder Künstler, der sagt, dass er seine Band so klein wie möglich halten will, lügt. Dass uns niemand kannte, ist ein gutes Zeichen: Wir sind wohl doch noch nicht so Mainstream wie etwa Nicki Minaj.

Und wo bewahrt Ihr den Grammy auf?

Bei mir im Bücherregal.

Fotos: Daniel Drescher (Ghost, Backstage München, Dezember 2015).

Ghost sind aktuell auf Tour:

09.04. Wiesbaden - Schlachthof
23.04. München - Zenith
25.04. Berlin - Huxley's Neue Welt

Sonntag, 26. März 2017

Das ist keine Plattenkritik - aber trotzdem eine Empfehlung (und zwar für "Payola" von den Desaparecidos)

Der Kumpel, der Dich auf die lebenswichtige Band und ihr bislang von Dir zu unrecht veschmähtes Früh- und überhaupt Gesamtwerk aufmerksam macht; das Plattencover, das Dich im Plattenladen anspringt und zu einer neuen musikalischen Entdeckung führt, die genauso gut ist wie der optische Eindruck; die Plattenkritik im Musikmagazin, die Dich neugierig macht - klassische Wege, seinen akustischen Horizont zu erweitern.

Aber diesmal war es anders. Denn zwei ungewöhnliche Faktoren kommen zusammen: Eigentlich hätte ich die Band auf die drei oben beschriebenen Arten kennenlernen müssten. Sie fällt ins Beuteschema musikalischer Freunde, über das Cover wäre ich mindestens gestolpert - und in der einschlägigen Musikpresse gab es gute bis sehr gute Rezensionen.

Trotzdem muss ich zu meiner Schande gestehen: "Payola", das 2015er (und zweite) Album der amerikanischen Band Desaparecidos, ist bislang an mir vorbeigegangen. Und als ich google, seh ich: Am Mikro steht niemand Geringeres als Conor Oberst, besser bekannt als Fronter der Indiefolkband Bright Eyes. Ein Blick in das Internetlexikon zeigt auch, dass es Gastauftritte von Tim Kasher (Cursive) und Laura Jane Grace (Against Me!) gibt. 

Der Gag ist: Ich bin kein übermäßiger Nutzer von Streamingdiensten. Ich mag meine Musik im Regal, bin mit CDs und Mixtapes aufgewachsen und finde den Gedanken schön, dass Musik auf Vinyl für die Ewigkeit konserviert werden können. Doch den einen Song, "The Left Is Right", habe ich in meinem Spotify-Account (ja, hab ich...aber wie gesagt, kaufen ist trotzdem wichtig!) entdeckt. War Teil irgendeiner Playlist und ich speicherte ihn mir ab. Die Tage schwappte er wieder in mein Bewusstsein, ich hörte das ganze Album dazu, erwartete eine politische Punkrocktruppe mit spanischen Lyrics und Ska-Einschlag - und bekam einen fantastischen Mix aus Punkrock, Emo und Conor Oberst (politisch ist das Album übrigens durchaus, und zwar nicht zu knapp). Ich hab sie noch nicht genug gehört, um hier eine Plattenkritik nachzuliefern (zwei Jahre nach Erscheinen auf dem Punkrocklabel Epitaph). Aber trotzdem: Vielleicht geht es ja ein paar Leuten genauso wie mir - und für den Fall möchte ich nicht, dass man von mir sagen kann, ich hätte Euch nicht Bescheid gesagt. 

Hier sehr Ihr die Videos zu "City on the Hill" und "Golden Parachutes": 


Und hier könnt Ihr das Album in voller Länge streamen:  
  

Sonntag, 19. März 2017

Galerie der Klassiker: Foo Fighters - The Colour And The Shape

Wow. Am Freitag hat mein Blog seinen sechsten Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass gibt es hier heute einen weiteren Teil in der "Galerie der Klassiker". 

"Big Me" fand ich zum Totlachen, diesen so herrlich überdrehten Mentos-Tribute-Clip. Schon damals hab ich mir gedacht: Dieser Typ, der bei den Foo Fighters am Mikro steht, den würde ich unbedingt mal gern als Hauptdarsteller in einem Film sehen. Jahrzehnte später ist Dave Grohl zwar immer noch lieber hinterm Mikro als vor der Kamera und ich hab noch keinen Fiction-Spielfilm im Regal, in dem Dave auftrumpft, aber mit "Back And Forth" und "Sonic Highways" hab ich wenigstens einen Doku und eine Serie, in der man erleben kann, wie cool und einflussreich, aber auch menschlich und demütig dieser Musiker geblieben ist.

Jedenfalls: Wir schrieben das Jahr 1997, ich stand auf Heavy Metal, In Flames hatten mich ein Jahr zuvor mit "The Jester Race" umgehauen, meinen Orchesterkollegen hielt ich stolz "Lingua Mortis" von Rage unter die Nase und krähte "Seht Ihr, ich hör Metal und spiel Geige, das geht fantastisch zusammen, aber hallo!" Und eigentlich war ich ein Anhänger des - heute würde man sagen Narrativs, dass Grunge den Metal gekillt hat (was Tenacious D ja dann mit "The Metal" widerlegt haben). Die Foo Fighters konnte ich aber relativ unbefangen angehen, denn ich hatte zwar von Kurt Cobain gehört und mir war auch klar, dass er ein Mythos und eine Legende war, aber Dave Grohl war halt der Drummer und das wusst ich zwar vielleicht irgendwoher, aber es war mir damals noch ziemlich egal. Denn das Video zu "Monkey Wrench" hat mich umgehauen. Dieser Typ, der da mit dem Monsterschnauzer und dem Kinnbart in den Aufzug steigt, in dem dann eine Muzak-Version von "Big Me" läuft (wie eigenironisch, genial!) - ich wusste, dass ist jemand Besonderes.

Also musste die Single her, dann das Album. "The Colour And The Shape", so etwas hatte ich noch nicht gehört. Jeder Song war unfassbar gut. Das wuchtige "Hey, Johnny Park!" mit seinen dynamischen Wechseln zwischen cleanen Gitarren und ruhigen Passagen und den übermütigen Dezibel-Passagen. "My Poor Brain" mit seinem Bubblegum-Steroid-Kontrast. Es waren Stücke wie diese, die mich später in einem absoluten Nerdgespräch zur Überzeugung brachten, dass die Foo Fighters der Hulk wären, wenn Bands Superhelden wären. (Interpol mit "Our Love To Admire" und speziell der Opener "Pioneer To The Falls" hätte ich damals hingegen als Batman gesehen).

"Up In Arms" war auch eine grandiose Überraschung, weil auf der Single von "Monkey Wrench" nur eine Version war, in der der Song die ganze Zeit so ruhig ist wie am Anfang - hier aber explodiert das Stück nach nicht ganz einer Minute und dann kommt wieder dieser unwiderstehliche Punch, der mich an die Wand gepustet hat. Groß auch das triumphale "My Hero", Und anders als anderen Platten geht diesem Album nie die Puste aus. Da bäumt sich "February Stars" nach knapp drei Minuten auf, den Bandklassiker "Everlong" fand ich ursprünglich gar nicht soo besonders (ich glaube, das Video hat mich verstört). Und "Walking After You" wiegt einen dann in falsche Sicherheit, denn die akustische Ballade beendet das Album nicht, wie man meinen könnte, sondern "New Way Home" tut es. Hier ziehen die Foo Fighters wirklich nochmal alle Register und bringen einen Meilenstein nach Hause der auch 20 Jahre nach seinem Erscheinen unantastbar ist. Kaum eine Band hat mich in meinem Leben über einen so langen Zeitraum begleitet wie die Foo Fighters. Das Schöne daran ist, dass "The Color And The Shape" zwar ein Klassiker ist, die Band es aber mit ihren darauffolgenden Alben auch immer wieder geschafft hat, zu überraschen. Und "Wasting Light" war meiner Ansicht nach ein Album, das diesen Klassiker wenn nicht übertroffen, so zumindest das selbe Niveau erreicht hat.

"The Color And The Shape" ist am 20. Mai 1997 erschienen. Hier seht Ihr das Video zu "Monkey Wrench" in einer Live-Fassung bei David Letterman:

Sonntag, 5. März 2017

"Ich bin auf der Seite der Armen und der Arbeiter": Dave Hause im Interview

Wie ich mich 2012 in Dave Hause verliebt habe, das konntet Ihr hier ja kürzlich an dieser Stelle schon lesen, als ich "Bury Me In Philly" besprochen habe. Herzchen in den Augen hatte ich dieser Tage dann auch, als ich Dave interviewen konnte. Es war der Abend Show in Köln am vergangenen Mittwoch. Ein Telefonat über Familienbande, den unvermeidlichen Donald Trump und musikalische Einflüsse jenseits von Punkrock. 

Dave, Dein neues Album „Bury Me In Philly“ ist frisch veröffentlicht. Lass uns über die Entstehung dieser Platte sprechen. 

Es hat eine Weile gedauert, bis ich wusste, worüber ich für das neue Album schreiben sollte. Seit dem letzten Album, seit 2013, ist viel passiert. Auf „Devour“ ging es um das raue Erwachen, das Erwachsenwerden, die Diskrepanz zwischen den Versprechungen und Deinem tatsächlichen Leben, wenn Du erstmals 30 bist. Ich hatte eine Scheidung hinter mir, es war eine schwierige Platte. Aber nachdem die Platte erschienen war, stellte ich fest, dass ich ein internationales Publikum habe und dass mein Leben besser geworden ist. Ich traf eine wundervolle Frau und zog nach Kalifornien. Bis dahin habe ich über die Schwierigkeiten des Lebens geschrieben, jetzt knackten wir die Charts, die Zahl der Fans wuchs. Ich hatte Angst, ob die Leute etwas damit anfangen können, wenn ich jetzt positivere Songs schreibe. Das brauchte Zeit.

Dein Bruder Tim war an der Platte maßgeblich beteiligt, richtig?

Dave Hause und Chuck Ragan (@PSF 2013). 
Ja, das stimmt. Ich hab die neuen Songs meinem Bruder gezeigt, und er mochte die Stücke, in denen es um meinen Umzug Richtung Westen ging und die Ambivalenz dieses Wegs. Ich war zum Beispiel nicht sicher, ob ich dort reinpasse. Tim hat Songs wie „Bury Me in Philly“, „Without You“ und „Divine Lorraine“ sofort verstanden. Er war sehr begeistert davon und half mir etwa mit den Texten. Anfangs arbeitete ich noch mit einem anderen Produzenten zusammen, der mich mehr in Richtung Country bugsieren wollte. Das wollte ich aber nicht, ich wollte mir und meinen Wurzeln treu bleiben. Und das ist eben klassischer Rock’n’Roll, damit bin ich aufgewachsen, ich liebe diesen Sound noch immer. Also zeigten wir die Songs Eric Bazilian von The Hooters, mit dem ich mich angefreundet habe, und er war sehr angetan von den Liedern. Weil er die Platte mit uns aufnehmen wollte, wechselten wir den Produzenten und gingen zu Eric ins Studio in Philadelphia. Eric wiederum brachte William Wittmann als Koproduzenten mit ins Spiel, den man durch seine Arbeiten mit Cyndi Lauper kennt und der zum Beispiel „Say It Isn’t So“ von The Outfield poduziert hat. Als das Team stand, ging es dann sehr schnell.

Was ist das Thema auf „Bury Me In Philly“, welche Geschichten erzählt das Album? 

Ich versuche immer, Begegnungen wiederzuspiegeln und mit dem Herzen bei der Sache zu sein. Mache Dinge, über die sich singe, sind mir wirklich passiert, manche Stücke versuchen einfach, ein Gefühl auf den Punkt zu bringen.

Die Wahl des Produzenten ist eine Überraschung. Eric Bazilian und The Hooters kennt man vielleicht durch ihren 80er-Jahre-Radiohit „Johnny B“. Ist die Punkrockszene, der Du entstammst und die Dich nach wie vor feiert, musikalisch toleranter geworden? Es hätte früher sicher Fans gegeben, die mit seiner Handschrift auf dem Album nichts hätten anfangen können. 

Dave Hause und Dan Adriano (@PSF 2013). 
Ich habe schon das Gefühl, dass Rock-Einflüsse von den 1980er-Jahren bis zurück in die 1960er-Jahre inzwischen auch in den Punkrock Einzug gehalten haben. Denn das ist auch die Musik, mit der viele meiner gleichaltrigen Musikerkollegen aufgewachsen sind. Selbst wenn du Punkrock spielst, ist es unvermeidlich, dass Du zu den Grundlagen zurückkehrst, die Dich ursprünglich für Musik begeistert haben. Wenn es Bryan Adams und Tom Petty waren, dann werden diese Facetten irgendwann in Deiner Musik auftauchen, während Du Dich weiterentwickelst, und das muss man auch zulassen. Es ist ein authentischer Teil meiner musikalischen Identität und es wegzulassen, wäre verrückt. Es gibt so großartige Musik aus dieser Zeit. Ich wollte immer nur Musik machen, Punkrock sehe ich eher als Ethik, diese Furchtlosigkeit und das Do-it-yourself-Ding, das ist Punk für mich. Ich hab mich nie dafür interessiert, mich mit meiner Musik szenespezifischen Regeln zu unterwerfen. Ich kann mich da gut mit dem Ansatz identifizieren, den Joe Strummer (Frontmann von The Clash - Anm. d. Redaktion) hatte. Er spielte am Ende seines Lebens World Music. Und das hab ich vom Punkrock gelernt: offen und stürmisch zu sein.

Zumal es ja nicht einer gewissen Ironie entbehrt, wenn Punkrocker zwar ganz rebellisch sein wollen, aber bei ihrer Musik plötzlich sehr konservativ sind...

Ich habe immer ein Problem damit gehabt. Als ich angefangen habe Punk zu hören, habe ich das getan um zu rebellieren, denn ich ging auf eine christliche Schule. Aber dann waren im Punk da auch plötzlich all diese Regeln. Von meiner christlichen Erziehung habe ich nicht alles abgelehnt, sondern die besten Dinge übernommen. Ich meine, die Person Jesus ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man als Mensch sein sollte. Aber Hölle, Verdammnis und ein rachsüchtiger Gott, das finde ich wahnsinnig. Beim Punkrock finde ich sehr cool, wenn Menschen sich dazu entscheiden, ihre Musik auf eigene Faust zu produzieren und sich nicht reinreden lassen. Aber ich möchte nicht dazu gezwungen sein, meine Jacke mit Killernieten zu versehen und nur noch zu brüllen und rasend schnell zu spielen. Für mich geht es darum, die besten Ideen zu finden, sich weiterzuentwickeln und etwas eigenes zu machen.

Zumal Szenegrenzen heute ja ohnehin durchlässiger geworden sind. 

Jeder, der heute professionell Musik macht, ist in der Regel an allen möglichen Stilen interessiert. Es ist uninteressant, nur eine Richtung zu haben. Die Vorlage für Rock’n’Roll, wenn es eine gab, waren die Beatles, und die waren auch von allen möglichen Sachen beeinflusst, wie man nach wie vor in Interviews mit Paul McCartney und Ringo Starr sehen kann. Diese Wildheit und Liebe zur Musik war seit jeher mein Antrieb. Ich bin nicht an Leuten interessiert, die mir sagen, wie ich etwas machen soll. Zum Beispiel wenn jemand mir sagt, ich soll langsamer spielen und mehr Nashville-Sound machen – was zum Geier, ich bin aus Philadelphia. Oder jemand sagt mir: Wenn Du in die Songwriting Hall Of Fame willst, musst Du das und das machen. Wenn ich da reinkomme, dann doch bitte nicht, weil ich mir ein Banjo aufschwatzen habe lassen. Das wäre konträr zu dem, was ich für richtig halte.

Nochmal zurück zu Deinem Bruder: Wie hat die Arbeit mit Tim auf Euer familiäres Verhältnis beeinflusst? Es ist ja etwas anderes, wenn man Feedback zu Musik und Texten von jemandem bekommt, der einem nahe steht, oder? 

Diese Erfahrungen gemeinsam zu machen, hat ganz klar unsere Beziehung positiv beeinflusst. Und umgekehrt wird durch diese Veränderung des Verhältnisses die kreative Arbeit angenehmer. Mein Bruder ist 15 Jahre jünger als ich. Es gibt keine Geschwisterrivalität, wie es sonst der Fall sein kann, wenn man ungefähr im gleichen Alter ist. Wir sind auch in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Es gab da eine große Kluft zwischen uns, und durch die Musik hat sich das geändert. Viele Unterschiede werden ausradiert, wenn Du zur Gitarre greifst und gemeinsam an Musik arbeitest. Es bringt die Leute zusammen und Tim hat einen sehr positiven Zugang zur Musik, er glaubt wirklich an sie und ist eher ein spiritueller Mensch. Ihm geht die Ganze Punkrock-Mentalität ab, er will einfach nur den bestmöglichen Song schreiben. Diese Freiheit ist sehr inspirierend.

In einem Interview hast du mir vor drei Jahren gesagt, dass dir das Buch „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins extrem geholfen hat, mit religiösen Schuldgefühlen und Ängsten umzugehen. Auf „Bury Me In Philly“ greifst du mit „Shaky Jesus“ erneut Motive des Glaubens zu verarbeiten. Um was geht es in dem Song genau? 

Dieser Song dreht sich um das Gefühl, das Du bekommst, wenn die Dinge gut laufen und Du eine falsche Vorstellung hast, warum das das so ist. Das ist sehr gefährlich für den Menschen. Wenn mich Jesus liebt, kann ich dann dies und jenes von ihm verlangen? Kann er meinen Song retten, vielleicht sogar mein Leben? Wenn man etwas verbessern will, sollte man selbst daran arbeiten und nicht auf jemanden warten.

Stichwort Ideologie und rechter Rand: Es heißt, Trumps Wahlsieg hätte Dich schwer getroffen. 

Ich war überzeugt davon, dass Trump keine Chance hat. Ich bin überzeugt davon, dass da im Hintergrund viele schmutzige Dinge gelaufen sind. Hillary Clinton bekam fast drei Millionen Stimmen mehr. Und die Art, wie das System funktioniert, ist wirklich dreckig. Das Ganze ist sehr entmutigend. Ich glaube an das Gute im Menschen und daran, dass wir gemeinsam viel erreichen können, dass wir Menschen mitnehmen können, denen es nicht so gut geht wie dir und mir. Ich bin auf der Seite der Armen und der Arbeiter. Trump ist ein klassischer Profitmacher. Und ein Typ, der Leuten einen Streich spielt, die das mit sich machen lassen. Du musst verantwortungsvoll mit den Menschen umgehen, die Dir folgen und die zu Dir aufsehen. Das tut Trump nicht, er ist der Typ, der andere abzockt um seine Macht zu erhalten. Wir Humanisten haben viel Arbeit vor uns, und auch in Europa sieht es düster aus, wenn man etwa Holland oder Frankreich nimmt. In Deutschland schlagt Ihr seit langer Zeit die Finsternis zurück, und das macht Ihr ziemlich gut.

Trump hat Unterstützer, die tatsächlich glauben, dass er für den „kleinen Mann“ einsteht, aber in seinem Kabinett sind etwa viele millionenschwere Unternehmer. Was wird passieren, wenn die Menschen erkennen, dass es ihm nicht um sie geht? 

Es gibt Menschen, die Trump noch blind folgen. Aber ich hoffe, dass die Menschen Widerstand leisten und sich für die Armen und die Arbeiter einsetzen. Ich weiß nicht, ob seine Unterstützer nicht zu stolz sein werden, um einen Fehler zuzugeben. Seine Umfragewerte sind wirklich schlecht, es läuft nicht gut für ihn. Was die Zukunft bringt, kann ich nicht voraussehen, aber ich sehe eine zunehmende Welle der Opposition gegen Trump und wofür er steht. Das ist nicht, wie Amerika sein sollte, und es gibt viele Menschen, die Gutes tun.

Du selbst hast Dich den Protesten am Wochenende nach der Amtseinführung angeschlossen. 

Ja, ich war beim „Love Over Hate“-Protest dabei und beim Frauenmarsch. Ich bin zwar jetzt mit dem neuen Album auf Tour, aber ich werde definitiv meinen Teil dazu beitragen, dagegenzuhalten.

Frank Turner hat einen neuen Song namens „Sand In The Gears“ veröffentlicht, der sich sehr kritisch mit Trump auseinandersetzt. Wird Trump auch Deine Musik prägen? 

Das ist wohl unvermeidlich. Es geht darum, immer mit dem Herzen zu schreiben. Und dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Insofern wird es seinen Weg in meine Texte und Musik finden. Über viele Aspekte davon habe ich bereits auf „Devour“ geschrieben, vielleicht war es einfach zu früh für Songs wie „The Great Depression“ und „We Could Be Kings“. Wir werden sehen. Obama war nicht perfekt. Er hat Dinge getan, die waren miserabel. Aber er hat auch viel Gutes bewirkt. Und mir kommt es so vor, als hätten wir unter ihm viele Schritte nach vorn gemacht und jetzt machen wir ein paar Schritte zurück. Aber wir werden wieder vorwärts gehen. Ich hoffe, dass es nicht das Ende des amerikanischen Experiments ist. Das wäre gruselig.

Du setzt Dich auf Deinem neuen Album auch mit Social Media und Smartphone-Nutzung auseinander, im Opener und im Titelsong. Du selbst nutzt soziale Medien stark, um mit Deinen Fans in Kontakt zu sein. Wie stehst Du zu dem Thema? 

Dave Hause beim Pirate Satellite Festival 2013. Von links:
Laura Jane Grace (damals noch Tom Gabel), Joe Ginsberg,
Chuck Ragan, Dave Hause, Jon Gaunt, Dan Adriano.
                                                Foto: Tinnitus Attacks
Ich denke, es ist wie mit jedem Werkzeug, das wir Menschen erfunden haben. Es kann für Gutes genauso genutzt werden wie für schlechte Zwecke. Für mich ist es sehr nützlich, etwa, wenn noch 100 Tickets für eine Show übrig sind. Oder wenn es darum geht, die Fans über eine neue Platte zu informieren. An Social Media kommt keiner vorbei, egal, wie ich darüber denke. Man muss eben vorsichtig damit sein. Ein Problem im Netz ist sicherlich der Narzissmus, und die meisten guten Dinge passieren meiner Ansicht nach erst, wenn man nicht nur auf sich selbst schaut, sondern andere Menschen wahrnimmt. Es ist gut, in die Natur zu kommen, in der Gegenwart liebender Menschen zu sein, es ist gut, nett zu sein. Und man muss für sich herausfinden, wie man es eben sinnvoll nutzt. Ich habe aber keine Theorie dazu, das wäre, als hätte ich eine Theorie über Autos. Wir kommen damit herum, aber wir verbrennen fossile Brennstoffe, es hat gute und schlechte Seiten.

Für Dich ist es auch eine Möglichkeit, mit der Familie in Kontakt zu bleiben während Du tourst, oder?

Ja, es ist super, wenn ich meine Freundin vermissen oder mit meinem Vater und meinen Schwestern sprechen will. Du kannst das Kind eben nicht mit dem Bade ausschütten.

Du bist mit Deiner Freundin nach Kalifornien gezogen. Willst Du bald Vater werden? 

Seit ich mit dem Trinken aufgehört habe und meine Verlobte getroffen habe, finde ich die Idee, Kinder zu haben, viel schöner als früher. Chuck Ragan ist vor ein paar Jahren Vater geworden und viele Gleichaltrige sind jetzt Eltern, Dan Adriano von Alkaline Trio etwa ist sehr glücklich mit seiner Familie. Ich kann mir gut vorstellen, dass das bald ein Thema für meine Verlobte und mich wird.

Du hast vorhin The Loved Ones erwähnt. Gibt es über die Reunion-Shows hinaus Pläne, etwa für ein neues Album mit der Band? 

Es gibt ein paar Songs, die sind härter als mein Solomaterial. Das könnte schon ein Album geben, aber das hängt auch vom Terminplan der anderen ab. Das letzte Mal wurde dann eben „Devour“ draus, weil wir nicht touren wollten. Ich will aber eigentlich kein Album aufnehmen und dann nicht damit touren. Denn dann nimmt todsicher niemand davon Notiz. Aber die zehn Shows mit der Band zu spielen, hat schon gereizt. Wenn die Jungs 100 Shows spielen wollen, dann wäre ich interessiert. Aber ich mag auch, was ich jetzt mache. The Loved Ones sind Geschichte. Ich hab inzwischen mehr Platten mit meinen Solosachen verkauft und mehr Konzerte als Solokünstler gespielt. Mein Bruder ist mit dabei, ich hab das Sagen, und The Loved Ones sind einfach Vergangenheit. Ich bin nicht an Nostalgie interessiert.

Gibt es Pläne, mal wieder eine Revival-Tour mit Chuck Ragan zu machen? 

Ja, wir wollen in den kommenden eineinhalb Jahren ein oder zwei Shows spielen, wohl auf Festivals. Chuck hat mir gerade gemailt, aber mehr kann ich noch nicht sagen.

Samstag, 18. Februar 2017

Hörtest: The Menzingers - After The Party

"Eins bleibt immer gleich, nach dem Feuerwerk wird aufgeräumt", hat ein weiser Mann namens Benjamin Griffey, besser bekannt als Casper, einmal gesagt (bzw gesungen, gerappt, gesprochen oder wie auch immer in "Nach der Demo ging's bergab" auf "Hinterland"). Auch die britischen Indierocker von Bloc Party widmeten sich auf "A Weekend in The City" dem Exzess und dem Kater danach. The Menzingers ziehen den Kreis noch etwas weiter: "After The Party" reflektiert das Älterwerden, das Erwachsenwerden - und wie man sich trotz aller Konventionen, die das Leben mit sich bringt, sein Ich bewahrt. 

"We're turning 30 now, and there's this idea that that's when real life comes on. In a way this album is us saying, 'We don't have to grow up or get boring — we can keep on having a good time doing what we love."
- Greg Barnett

Greg Barnett bei einem Auftritt in Lindau.
                                 Foto: Daniel Drescher/Tinnitus Attacks
Was The Menzingers ausmacht, ist die Kombination aus Melodien, die man nicht mehr abschütteln kann, und Texten, die prägnant und slogan-like (im Sinne von tätowierfähig) und zugleich tiefsinnig sind. "Waiting for your life to start then you die / Was your heart beating in the first place?" ist zum Beispiel so eine Textzeile, die sich in "House On Fire" findet. Ein Song als Memento Mori, als Mahnung, nicht zu zögern und abzuwarten. Das ist die Story auf "After The Party". Gleich im Opener "Tellin' Lies", wo sich die Frage stellt: "Where are we gonna go now that our twenties are over?" In der Tat, was? Wachstumsschmerz ist ein Thema, mit dem sich viele Bands auseinandersetzen, aber Greg Barnett und Tom May (die Stimmen der Band) packen es in Texte, die einfach gut erzählt sind. Das wird besonders auch in "Your Wild Years" deutlich. Die Rückkehr in ein Kinderzimmer, eingelagerte Erinnerungen in Schachteln, die Zeit, die vergeht. Und irgendwie ist das Leben immer wie ein langer Roadtrip, daher auch eine Referenz zu Jack Kerouac in "Lookers".

Daneben finden sich auch viele religiöse Anspielungen, am offensichtlichsten natürlich in "Bad Catholics", das vom Wiedersehen mit einer verflossenen Liebe bei einer Kirchenpicknick handelt. In "Boy Blue", wo es heißt "No Empty Seats In Eternity". Aber auch in "Black Mass": Da erzählen The Menzingers vom Aus einer Liebe, der Traualtar als Ort des Opfers, massig Interpretationsspielraum. Am Ende der Platte steht aber die Erkenntnis: "After The Party, It's Me And You." Aus dem egoistischen Ich der 20er wird das Wir, das Verantwortung für einen anderen Menschen übernimmt. Ein tröstlicher Gedanke.

Tom May beim Gig in  Lindau (Oktober 2016).
Foto: Daniel Drescher/Tinnitus Attacks
Und dann ist "After The Party" eben auch noch ein Album, das zwar fast schon poppige Melodien hat ("Charlie's Army"), aber eben auch immer den Distortion-Hammer schwingt, bevor es zu nett wird. "On The Impossible Past" war ein moderner Klassiker, es ist nicht zuviel gesagt, das 2010er-Album der Band so zu nennen. Songs wie "Burn After Writing" brannten sich nachhaltig ins musikalische Herz und Hirn ein, kein schwacher Song auf diesem Album. "After The Party" (mit einem grandiosen Cover versehen noch dazu ) kann bestehen neben dieser Platte und überflügelt seinen okayen Vorgänger "Rented World" deutlich.

Seinen Platz in den Bestenlisten der Punkrock-Szene dürfte "After The Party" jedenfalls schon sicher haben.

"After The Party" von The Menzingers ist am 3. Februar via Epitaph Europe erschienen. Hier seht Ihr das Video zu "Lookers". 

Sonntag, 5. Februar 2017

Hörtest: Dave Hause - Bury Me In Philly

Mit Dave Hause und mir, das war Liebe auf den ersten Blick. 2012 beim Pirate Satellite Festival in Stuttgart (das es ja leider nicht mehr gibt) stand Dave auf der Bühne, er war Teil des dreistündigen Akustik-Sets, bei dem auch Chuck Ragan, Tom Gabel (inzwischen besser bekannt als Laura Jane Grace) und Dan Adriano auftraten. Mir ging damals besonders "The Bridge" ins Ohr, das im E-Gitarren-Original von Dave Hause' Band "The Loved Ones" eingespielt wurde ("Build and Burn"). Also musste "Resolutions" her, das Soloalbum, alles von The Loved Ones, und "Devour" wurde dann natürlich überglücklich in die Arme geschlossen.

Das ist jetzt auch schon wieder über drei Jahre her. Und mit "Bury Me In Philly" löst Dave Hause alle Hoffnungen auf ein starkes Album ein. Die Reaktionen, die ich bisher gesehen habe, sind jedenfalls alle positiv und überschwänglich. Mit seinem hemdsärmeligen, ungekünstelten Heartland-Rock ist Dave Hause in seinem Element. Dabei macht er gar nicht viel anders als bei "Devour" (per Klick kommt Ihr zu einem Interview, das ich damals mit ihm geführt hab). Aber warum auch, denn auch auf dem Vorgänger war die Mischung aus Gitarrenpower mit Schub, Daves unverkennbarer Stimme, melancholischem Sinnieren und unpeinlichem Pathos der Marke Springsteen im Grunde perfekt. Wenn man an diesem Longplayer etwas kritisieren will, dann vielleicht, dass etwa "Shaky Jesus" ziemlich exakt so aufgebaut ist wie "The Great Depression" vom Vorgängeralbum und sich sogar die Gitarrenfiguren frappierend ähneln. Trotzdem - mir ist diese Beständigkeit lieber als eine erzwungene "Entwicklung", wie man sie bei anderen Musikern schon hat zu Blödsinn führen sehen. 

Stark an diesem Album ist seine Fähigkeit, dem Hörer Melodien ins Hirn zu setzen, die sich festsetzen und nicht wieder weichen wollen. Das geht beim Opener "With You" los, der mit seiner drastischen Textzeile "Dance With Me We'll All Be Dead Soon" geradezu gespenstisch gut in die aktuelle pessimistische Weltlage passt. Aber Dave wäre nicht Dave, wenn er damit nicht gleich einen Aufruf zum Zusammenhalten, zum Arschhochkriegen verbindet. Auch "The Flinch" schlägt in diese Kerbe. Die Botschaft: Kein Blick zurück, jeder weicht mal zurück, aber künftig gibt es kein Zurückweichen mehr. Mit Hymnen wie "My Mistake" macht Dave Hause Eindruck, hier treffen Haltung und musikalisches Talent aufeinander und es könnte sein, dass dem Musiker aus Philadelphia in Zukunft viel mehr Beachtung zuteil wird (und eben die, die er eigentlich verdient). Mit "Dirty Fucker" gibt es eine mistingkompatible Faustindielufthymne für die Konzerte, aber es gibt auch Momente wie in "Divine Lorraine", wenn es nach Pedal Steel klingt und man das American Songbook aufschlagen und Tom-Petty-Vibes den Raum fluten. 

Der Abschluss mit dem Titeltrack zeigt einen Dave Hause, der seine Herkunft nicht leugnet, sondern mit Stolz auf die Arbeitermetropole verweist, aus der er kommt. Schön, wie hier der Unterschied zu tumbem Patriotismus klar wird. Dave Hause ist jemand, der seine Wurzeln kennt, aber trotzdem in der Welt zuhause ist. Da, wo auch seine Fans sind. 

"Bury Me In Philly" ist am 3. Februar via Rise Records / ADA erschienen. Hier hört Ihr "The Flinch". Wer das ganze Album im Stream hören will: Bei Dyingscene geht das.