Sonntag, 26. März 2017

Das ist keine Plattenkritik - aber trotzdem eine Empfehlung (und zwar für "Payola" von den Desaparecidos)

Der Kumpel, der Dich auf die lebenswichtige Band und ihr bislang von Dir zu unrecht veschmähtes Früh- und überhaupt Gesamtwerk aufmerksam macht; das Plattencover, das Dich im Plattenladen anspringt und zu einer neuen musikalischen Entdeckung führt, die genauso gut ist wie der optische Eindruck; die Plattenkritik im Musikmagazin, die Dich neugierig macht - klassische Wege, seinen akustischen Horizont zu erweitern.

Aber diesmal war es anders. Denn zwei ungewöhnliche Faktoren kommen zusammen: Eigentlich hätte ich die Band auf die drei oben beschriebenen Arten kennenlernen müssten. Sie fällt ins Beuteschema musikalischer Freunde, über das Cover wäre ich mindestens gestolpert - und in der einschlägigen Musikpresse gab es gute bis sehr gute Rezensionen.

Trotzdem muss ich zu meiner Schande gestehen: "Payola", das 2015er (und zweite) Album der amerikanischen Band Desaparecidos, ist bislang an mir vorbeigegangen. Und als ich google, seh ich: Am Mikro steht niemand Geringeres als Conor Oberst, besser bekannt als Fronter der Indiefolkband Bright Eyes. Ein Blick in das Internetlexikon zeigt auch, dass es Gastauftritte von Tim Kasher (Cursive) und Laura Jane Grace (Against Me!) gibt. 

Der Gag ist: Ich bin kein übermäßiger Nutzer von Streamingdiensten. Ich mag meine Musik im Regal, bin mit CDs und Mixtapes aufgewachsen und finde den Gedanken schön, dass Musik auf Vinyl für die Ewigkeit konserviert werden können. Doch den einen Song, "The Left Is Right", habe ich in meinem Spotify-Account (ja, hab ich...aber wie gesagt, kaufen ist trotzdem wichtig!) entdeckt. War Teil irgendeiner Playlist und ich speicherte ihn mir ab. Die Tage schwappte er wieder in mein Bewusstsein, ich hörte das ganze Album dazu, erwartete eine politische Punkrocktruppe mit spanischen Lyrics und Ska-Einschlag - und bekam einen fantastischen Mix aus Punkrock, Emo und Conor Oberst (politisch ist das Album übrigens durchaus, und zwar nicht zu knapp). Ich hab sie noch nicht genug gehört, um hier eine Plattenkritik nachzuliefern (zwei Jahre nach Erscheinen auf dem Punkrocklabel Epitaph). Aber trotzdem: Vielleicht geht es ja ein paar Leuten genauso wie mir - und für den Fall möchte ich nicht, dass man von mir sagen kann, ich hätte Euch nicht Bescheid gesagt. 

Hier sehr Ihr die Videos zu "City on the Hill" und "Golden Parachutes": 


Und hier könnt Ihr das Album in voller Länge streamen:  
  

Sonntag, 19. März 2017

Galerie der Klassiker: Foo Fighters - The Colour And The Shape

Wow. Am Freitag hat mein Blog seinen sechsten Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass gibt es hier heute einen weiteren Teil in der "Galerie der Klassiker". 

"Big Me" fand ich zum Totlachen, diesen so herrlich überdrehten Mentos-Tribute-Clip. Schon damals hab ich mir gedacht: Dieser Typ, der bei den Foo Fighters am Mikro steht, den würde ich unbedingt mal gern als Hauptdarsteller in einem Film sehen. Jahrzehnte später ist Dave Grohl zwar immer noch lieber hinterm Mikro als vor der Kamera und ich hab noch keinen Fiction-Spielfilm im Regal, in dem Dave auftrumpft, aber mit "Back And Forth" und "Sonic Highways" hab ich wenigstens einen Doku und eine Serie, in der man erleben kann, wie cool und einflussreich, aber auch menschlich und demütig dieser Musiker geblieben ist.

Jedenfalls: Wir schrieben das Jahr 1997, ich stand auf Heavy Metal, In Flames hatten mich ein Jahr zuvor mit "The Jester Race" umgehauen, meinen Orchesterkollegen hielt ich stolz "Lingua Mortis" von Rage unter die Nase und krähte "Seht Ihr, ich hör Metal und spiel Geige, das geht fantastisch zusammen, aber hallo!" Und eigentlich war ich ein Anhänger des - heute würde man sagen Narrativs, dass Grunge den Metal gekillt hat (was Tenacious D ja dann mit "The Metal" widerlegt haben). Die Foo Fighters konnte ich aber relativ unbefangen angehen, denn ich hatte zwar von Kurt Cobain gehört und mir war auch klar, dass er ein Mythos und eine Legende war, aber Dave Grohl war halt der Drummer und das wusst ich zwar vielleicht irgendwoher, aber es war mir damals noch ziemlich egal. Denn das Video zu "Monkey Wrench" hat mich umgehauen. Dieser Typ, der da mit dem Monsterschnauzer und dem Kinnbart in den Aufzug steigt, in dem dann eine Muzak-Version von "Big Me" läuft (wie eigenironisch, genial!) - ich wusste, dass ist jemand Besonderes.

Also musste die Single her, dann das Album. "The Colour And The Shape", so etwas hatte ich noch nicht gehört. Jeder Song war unfassbar gut. Das wuchtige "Hey, Johnny Park!" mit seinen dynamischen Wechseln zwischen cleanen Gitarren und ruhigen Passagen und den übermütigen Dezibel-Passagen. "My Poor Brain" mit seinem Bubblegum-Steroid-Kontrast. Es waren Stücke wie diese, die mich später in einem absoluten Nerdgespräch zur Überzeugung brachten, dass die Foo Fighters der Hulk wären, wenn Bands Superhelden wären. (Interpol mit "Our Love To Admire" und speziell der Opener "Pioneer To The Falls" hätte ich damals hingegen als Batman gesehen).

"Up In Arms" war auch eine grandiose Überraschung, weil auf der Single von "Monkey Wrench" nur eine Version war, in der der Song die ganze Zeit so ruhig ist wie am Anfang - hier aber explodiert das Stück nach nicht ganz einer Minute und dann kommt wieder dieser unwiderstehliche Punch, der mich an die Wand gepustet hat. Groß auch das triumphale "My Hero", Und anders als anderen Platten geht diesem Album nie die Puste aus. Da bäumt sich "February Stars" nach knapp drei Minuten auf, den Bandklassiker "Everlong" fand ich ursprünglich gar nicht soo besonders (ich glaube, das Video hat mich verstört). Und "Walking After You" wiegt einen dann in falsche Sicherheit, denn die akustische Ballade beendet das Album nicht, wie man meinen könnte, sondern "New Way Home" tut es. Hier ziehen die Foo Fighters wirklich nochmal alle Register und bringen einen Meilenstein nach Hause der auch 20 Jahre nach seinem Erscheinen unantastbar ist. Kaum eine Band hat mich in meinem Leben über einen so langen Zeitraum begleitet wie die Foo Fighters. Das Schöne daran ist, dass "The Color And The Shape" zwar ein Klassiker ist, die Band es aber mit ihren darauffolgenden Alben auch immer wieder geschafft hat, zu überraschen. Und "Wasting Light" war meiner Ansicht nach ein Album, das diesen Klassiker wenn nicht übertroffen, so zumindest das selbe Niveau erreicht hat.

"The Color And The Shape" ist am 20. Mai 1997 erschienen. Hier seht Ihr das Video zu "Monkey Wrench" in einer Live-Fassung bei David Letterman:

Sonntag, 5. März 2017

"Ich bin auf der Seite der Armen und der Arbeiter": Dave Hause im Interview

Wie ich mich 2012 in Dave Hause verliebt habe, das konntet Ihr hier ja kürzlich an dieser Stelle schon lesen, als ich "Bury Me In Philly" besprochen habe. Herzchen in den Augen hatte ich dieser Tage dann auch, als ich Dave interviewen konnte. Es war der Abend Show in Köln am vergangenen Mittwoch. Ein Telefonat über Familienbande, den unvermeidlichen Donald Trump und musikalische Einflüsse jenseits von Punkrock. 

Dave, Dein neues Album „Bury Me In Philly“ ist frisch veröffentlicht. Lass uns über die Entstehung dieser Platte sprechen. 

Es hat eine Weile gedauert, bis ich wusste, worüber ich für das neue Album schreiben sollte. Seit dem letzten Album, seit 2013, ist viel passiert. Auf „Devour“ ging es um das raue Erwachen, das Erwachsenwerden, die Diskrepanz zwischen den Versprechungen und Deinem tatsächlichen Leben, wenn Du erstmals 30 bist. Ich hatte eine Scheidung hinter mir, es war eine schwierige Platte. Aber nachdem die Platte erschienen war, stellte ich fest, dass ich ein internationales Publikum habe und dass mein Leben besser geworden ist. Ich traf eine wundervolle Frau und zog nach Kalifornien. Bis dahin habe ich über die Schwierigkeiten des Lebens geschrieben, jetzt knackten wir die Charts, die Zahl der Fans wuchs. Ich hatte Angst, ob die Leute etwas damit anfangen können, wenn ich jetzt positivere Songs schreibe. Das brauchte Zeit.

Dein Bruder Tim war an der Platte maßgeblich beteiligt, richtig?

Dave Hause und Chuck Ragan (@PSF 2013). 
Ja, das stimmt. Ich hab die neuen Songs meinem Bruder gezeigt, und er mochte die Stücke, in denen es um meinen Umzug Richtung Westen ging und die Ambivalenz dieses Wegs. Ich war zum Beispiel nicht sicher, ob ich dort reinpasse. Tim hat Songs wie „Bury Me in Philly“, „Without You“ und „Divine Lorraine“ sofort verstanden. Er war sehr begeistert davon und half mir etwa mit den Texten. Anfangs arbeitete ich noch mit einem anderen Produzenten zusammen, der mich mehr in Richtung Country bugsieren wollte. Das wollte ich aber nicht, ich wollte mir und meinen Wurzeln treu bleiben. Und das ist eben klassischer Rock’n’Roll, damit bin ich aufgewachsen, ich liebe diesen Sound noch immer. Also zeigten wir die Songs Eric Bazilian von The Hooters, mit dem ich mich angefreundet habe, und er war sehr angetan von den Liedern. Weil er die Platte mit uns aufnehmen wollte, wechselten wir den Produzenten und gingen zu Eric ins Studio in Philadelphia. Eric wiederum brachte William Wittmann als Koproduzenten mit ins Spiel, den man durch seine Arbeiten mit Cyndi Lauper kennt und der zum Beispiel „Say It Isn’t So“ von The Outfield poduziert hat. Als das Team stand, ging es dann sehr schnell.

Was ist das Thema auf „Bury Me In Philly“, welche Geschichten erzählt das Album? 

Ich versuche immer, Begegnungen wiederzuspiegeln und mit dem Herzen bei der Sache zu sein. Mache Dinge, über die sich singe, sind mir wirklich passiert, manche Stücke versuchen einfach, ein Gefühl auf den Punkt zu bringen.

Die Wahl des Produzenten ist eine Überraschung. Eric Bazilian und The Hooters kennt man vielleicht durch ihren 80er-Jahre-Radiohit „Johnny B“. Ist die Punkrockszene, der Du entstammst und die Dich nach wie vor feiert, musikalisch toleranter geworden? Es hätte früher sicher Fans gegeben, die mit seiner Handschrift auf dem Album nichts hätten anfangen können. 

Dave Hause und Dan Adriano (@PSF 2013). 
Ich habe schon das Gefühl, dass Rock-Einflüsse von den 1980er-Jahren bis zurück in die 1960er-Jahre inzwischen auch in den Punkrock Einzug gehalten haben. Denn das ist auch die Musik, mit der viele meiner gleichaltrigen Musikerkollegen aufgewachsen sind. Selbst wenn du Punkrock spielst, ist es unvermeidlich, dass Du zu den Grundlagen zurückkehrst, die Dich ursprünglich für Musik begeistert haben. Wenn es Bryan Adams und Tom Petty waren, dann werden diese Facetten irgendwann in Deiner Musik auftauchen, während Du Dich weiterentwickelst, und das muss man auch zulassen. Es ist ein authentischer Teil meiner musikalischen Identität und es wegzulassen, wäre verrückt. Es gibt so großartige Musik aus dieser Zeit. Ich wollte immer nur Musik machen, Punkrock sehe ich eher als Ethik, diese Furchtlosigkeit und das Do-it-yourself-Ding, das ist Punk für mich. Ich hab mich nie dafür interessiert, mich mit meiner Musik szenespezifischen Regeln zu unterwerfen. Ich kann mich da gut mit dem Ansatz identifizieren, den Joe Strummer (Frontmann von The Clash - Anm. d. Redaktion) hatte. Er spielte am Ende seines Lebens World Music. Und das hab ich vom Punkrock gelernt: offen und stürmisch zu sein.

Zumal es ja nicht einer gewissen Ironie entbehrt, wenn Punkrocker zwar ganz rebellisch sein wollen, aber bei ihrer Musik plötzlich sehr konservativ sind...

Ich habe immer ein Problem damit gehabt. Als ich angefangen habe Punk zu hören, habe ich das getan um zu rebellieren, denn ich ging auf eine christliche Schule. Aber dann waren im Punk da auch plötzlich all diese Regeln. Von meiner christlichen Erziehung habe ich nicht alles abgelehnt, sondern die besten Dinge übernommen. Ich meine, die Person Jesus ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man als Mensch sein sollte. Aber Hölle, Verdammnis und ein rachsüchtiger Gott, das finde ich wahnsinnig. Beim Punkrock finde ich sehr cool, wenn Menschen sich dazu entscheiden, ihre Musik auf eigene Faust zu produzieren und sich nicht reinreden lassen. Aber ich möchte nicht dazu gezwungen sein, meine Jacke mit Killernieten zu versehen und nur noch zu brüllen und rasend schnell zu spielen. Für mich geht es darum, die besten Ideen zu finden, sich weiterzuentwickeln und etwas eigenes zu machen.

Zumal Szenegrenzen heute ja ohnehin durchlässiger geworden sind. 

Jeder, der heute professionell Musik macht, ist in der Regel an allen möglichen Stilen interessiert. Es ist uninteressant, nur eine Richtung zu haben. Die Vorlage für Rock’n’Roll, wenn es eine gab, waren die Beatles, und die waren auch von allen möglichen Sachen beeinflusst, wie man nach wie vor in Interviews mit Paul McCartney und Ringo Starr sehen kann. Diese Wildheit und Liebe zur Musik war seit jeher mein Antrieb. Ich bin nicht an Leuten interessiert, die mir sagen, wie ich etwas machen soll. Zum Beispiel wenn jemand mir sagt, ich soll langsamer spielen und mehr Nashville-Sound machen – was zum Geier, ich bin aus Philadelphia. Oder jemand sagt mir: Wenn Du in die Songwriting Hall Of Fame willst, musst Du das und das machen. Wenn ich da reinkomme, dann doch bitte nicht, weil ich mir ein Banjo aufschwatzen habe lassen. Das wäre konträr zu dem, was ich für richtig halte.

Nochmal zurück zu Deinem Bruder: Wie hat die Arbeit mit Tim auf Euer familiäres Verhältnis beeinflusst? Es ist ja etwas anderes, wenn man Feedback zu Musik und Texten von jemandem bekommt, der einem nahe steht, oder? 

Diese Erfahrungen gemeinsam zu machen, hat ganz klar unsere Beziehung positiv beeinflusst. Und umgekehrt wird durch diese Veränderung des Verhältnisses die kreative Arbeit angenehmer. Mein Bruder ist 15 Jahre jünger als ich. Es gibt keine Geschwisterrivalität, wie es sonst der Fall sein kann, wenn man ungefähr im gleichen Alter ist. Wir sind auch in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Es gab da eine große Kluft zwischen uns, und durch die Musik hat sich das geändert. Viele Unterschiede werden ausradiert, wenn Du zur Gitarre greifst und gemeinsam an Musik arbeitest. Es bringt die Leute zusammen und Tim hat einen sehr positiven Zugang zur Musik, er glaubt wirklich an sie und ist eher ein spiritueller Mensch. Ihm geht die Ganze Punkrock-Mentalität ab, er will einfach nur den bestmöglichen Song schreiben. Diese Freiheit ist sehr inspirierend.

In einem Interview hast du mir vor drei Jahren gesagt, dass dir das Buch „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins extrem geholfen hat, mit religiösen Schuldgefühlen und Ängsten umzugehen. Auf „Bury Me In Philly“ greifst du mit „Shaky Jesus“ erneut Motive des Glaubens zu verarbeiten. Um was geht es in dem Song genau? 

Dieser Song dreht sich um das Gefühl, das Du bekommst, wenn die Dinge gut laufen und Du eine falsche Vorstellung hast, warum das das so ist. Das ist sehr gefährlich für den Menschen. Wenn mich Jesus liebt, kann ich dann dies und jenes von ihm verlangen? Kann er meinen Song retten, vielleicht sogar mein Leben? Wenn man etwas verbessern will, sollte man selbst daran arbeiten und nicht auf jemanden warten.

Stichwort Ideologie und rechter Rand: Es heißt, Trumps Wahlsieg hätte Dich schwer getroffen. 

Ich war überzeugt davon, dass Trump keine Chance hat. Ich bin überzeugt davon, dass da im Hintergrund viele schmutzige Dinge gelaufen sind. Hillary Clinton bekam fast drei Millionen Stimmen mehr. Und die Art, wie das System funktioniert, ist wirklich dreckig. Das Ganze ist sehr entmutigend. Ich glaube an das Gute im Menschen und daran, dass wir gemeinsam viel erreichen können, dass wir Menschen mitnehmen können, denen es nicht so gut geht wie dir und mir. Ich bin auf der Seite der Armen und der Arbeiter. Trump ist ein klassischer Profitmacher. Und ein Typ, der Leuten einen Streich spielt, die das mit sich machen lassen. Du musst verantwortungsvoll mit den Menschen umgehen, die Dir folgen und die zu Dir aufsehen. Das tut Trump nicht, er ist der Typ, der andere abzockt um seine Macht zu erhalten. Wir Humanisten haben viel Arbeit vor uns, und auch in Europa sieht es düster aus, wenn man etwa Holland oder Frankreich nimmt. In Deutschland schlagt Ihr seit langer Zeit die Finsternis zurück, und das macht Ihr ziemlich gut.

Trump hat Unterstützer, die tatsächlich glauben, dass er für den „kleinen Mann“ einsteht, aber in seinem Kabinett sind etwa viele millionenschwere Unternehmer. Was wird passieren, wenn die Menschen erkennen, dass es ihm nicht um sie geht? 

Es gibt Menschen, die Trump noch blind folgen. Aber ich hoffe, dass die Menschen Widerstand leisten und sich für die Armen und die Arbeiter einsetzen. Ich weiß nicht, ob seine Unterstützer nicht zu stolz sein werden, um einen Fehler zuzugeben. Seine Umfragewerte sind wirklich schlecht, es läuft nicht gut für ihn. Was die Zukunft bringt, kann ich nicht voraussehen, aber ich sehe eine zunehmende Welle der Opposition gegen Trump und wofür er steht. Das ist nicht, wie Amerika sein sollte, und es gibt viele Menschen, die Gutes tun.

Du selbst hast Dich den Protesten am Wochenende nach der Amtseinführung angeschlossen. 

Ja, ich war beim „Love Over Hate“-Protest dabei und beim Frauenmarsch. Ich bin zwar jetzt mit dem neuen Album auf Tour, aber ich werde definitiv meinen Teil dazu beitragen, dagegenzuhalten.

Frank Turner hat einen neuen Song namens „Sand In The Gears“ veröffentlicht, der sich sehr kritisch mit Trump auseinandersetzt. Wird Trump auch Deine Musik prägen? 

Das ist wohl unvermeidlich. Es geht darum, immer mit dem Herzen zu schreiben. Und dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Insofern wird es seinen Weg in meine Texte und Musik finden. Über viele Aspekte davon habe ich bereits auf „Devour“ geschrieben, vielleicht war es einfach zu früh für Songs wie „The Great Depression“ und „We Could Be Kings“. Wir werden sehen. Obama war nicht perfekt. Er hat Dinge getan, die waren miserabel. Aber er hat auch viel Gutes bewirkt. Und mir kommt es so vor, als hätten wir unter ihm viele Schritte nach vorn gemacht und jetzt machen wir ein paar Schritte zurück. Aber wir werden wieder vorwärts gehen. Ich hoffe, dass es nicht das Ende des amerikanischen Experiments ist. Das wäre gruselig.

Du setzt Dich auf Deinem neuen Album auch mit Social Media und Smartphone-Nutzung auseinander, im Opener und im Titelsong. Du selbst nutzt soziale Medien stark, um mit Deinen Fans in Kontakt zu sein. Wie stehst Du zu dem Thema? 

Dave Hause beim Pirate Satellite Festival 2013. Von links:
Laura Jane Grace (damals noch Tom Gabel), Joe Ginsberg,
Chuck Ragan, Dave Hause, Jon Gaunt, Dan Adriano.
                                                Foto: Tinnitus Attacks
Ich denke, es ist wie mit jedem Werkzeug, das wir Menschen erfunden haben. Es kann für Gutes genauso genutzt werden wie für schlechte Zwecke. Für mich ist es sehr nützlich, etwa, wenn noch 100 Tickets für eine Show übrig sind. Oder wenn es darum geht, die Fans über eine neue Platte zu informieren. An Social Media kommt keiner vorbei, egal, wie ich darüber denke. Man muss eben vorsichtig damit sein. Ein Problem im Netz ist sicherlich der Narzissmus, und die meisten guten Dinge passieren meiner Ansicht nach erst, wenn man nicht nur auf sich selbst schaut, sondern andere Menschen wahrnimmt. Es ist gut, in die Natur zu kommen, in der Gegenwart liebender Menschen zu sein, es ist gut, nett zu sein. Und man muss für sich herausfinden, wie man es eben sinnvoll nutzt. Ich habe aber keine Theorie dazu, das wäre, als hätte ich eine Theorie über Autos. Wir kommen damit herum, aber wir verbrennen fossile Brennstoffe, es hat gute und schlechte Seiten.

Für Dich ist es auch eine Möglichkeit, mit der Familie in Kontakt zu bleiben während Du tourst, oder?

Ja, es ist super, wenn ich meine Freundin vermissen oder mit meinem Vater und meinen Schwestern sprechen will. Du kannst das Kind eben nicht mit dem Bade ausschütten.

Du bist mit Deiner Freundin nach Kalifornien gezogen. Willst Du bald Vater werden? 

Seit ich mit dem Trinken aufgehört habe und meine Verlobte getroffen habe, finde ich die Idee, Kinder zu haben, viel schöner als früher. Chuck Ragan ist vor ein paar Jahren Vater geworden und viele Gleichaltrige sind jetzt Eltern, Dan Adriano von Alkaline Trio etwa ist sehr glücklich mit seiner Familie. Ich kann mir gut vorstellen, dass das bald ein Thema für meine Verlobte und mich wird.

Du hast vorhin The Loved Ones erwähnt. Gibt es über die Reunion-Shows hinaus Pläne, etwa für ein neues Album mit der Band? 

Es gibt ein paar Songs, die sind härter als mein Solomaterial. Das könnte schon ein Album geben, aber das hängt auch vom Terminplan der anderen ab. Das letzte Mal wurde dann eben „Devour“ draus, weil wir nicht touren wollten. Ich will aber eigentlich kein Album aufnehmen und dann nicht damit touren. Denn dann nimmt todsicher niemand davon Notiz. Aber die zehn Shows mit der Band zu spielen, hat schon gereizt. Wenn die Jungs 100 Shows spielen wollen, dann wäre ich interessiert. Aber ich mag auch, was ich jetzt mache. The Loved Ones sind Geschichte. Ich hab inzwischen mehr Platten mit meinen Solosachen verkauft und mehr Konzerte als Solokünstler gespielt. Mein Bruder ist mit dabei, ich hab das Sagen, und The Loved Ones sind einfach Vergangenheit. Ich bin nicht an Nostalgie interessiert.

Gibt es Pläne, mal wieder eine Revival-Tour mit Chuck Ragan zu machen? 

Ja, wir wollen in den kommenden eineinhalb Jahren ein oder zwei Shows spielen, wohl auf Festivals. Chuck hat mir gerade gemailt, aber mehr kann ich noch nicht sagen.

Samstag, 18. Februar 2017

Hörtest: The Menzingers - After The Party

"Eins bleibt immer gleich, nach dem Feuerwerk wird aufgeräumt", hat ein weiser Mann namens Benjamin Griffey, besser bekannt als Casper, einmal gesagt (bzw gesungen, gerappt, gesprochen oder wie auch immer in "Nach der Demo ging's bergab" auf "Hinterland"). Auch die britischen Indierocker von Bloc Party widmeten sich auf "A Weekend in The City" dem Exzess und dem Kater danach. The Menzingers ziehen den Kreis noch etwas weiter: "After The Party" reflektiert das Älterwerden, das Erwachsenwerden - und wie man sich trotz aller Konventionen, die das Leben mit sich bringt, sein Ich bewahrt. 

"We're turning 30 now, and there's this idea that that's when real life comes on. In a way this album is us saying, 'We don't have to grow up or get boring — we can keep on having a good time doing what we love."
- Greg Barnett

Greg Barnett bei einem Auftritt in Lindau.
                                 Foto: Daniel Drescher/Tinnitus Attacks
Was The Menzingers ausmacht, ist die Kombination aus Melodien, die man nicht mehr abschütteln kann, und Texten, die prägnant und slogan-like (im Sinne von tätowierfähig) und zugleich tiefsinnig sind. "Waiting for your life to start then you die / Was your heart beating in the first place?" ist zum Beispiel so eine Textzeile, die sich in "House On Fire" findet. Ein Song als Memento Mori, als Mahnung, nicht zu zögern und abzuwarten. Das ist die Story auf "After The Party". Gleich im Opener "Tellin' Lies", wo sich die Frage stellt: "Where are we gonna go now that our twenties are over?" In der Tat, was? Wachstumsschmerz ist ein Thema, mit dem sich viele Bands auseinandersetzen, aber Greg Barnett und Tom May (die Stimmen der Band) packen es in Texte, die einfach gut erzählt sind. Das wird besonders auch in "Your Wild Years" deutlich. Die Rückkehr in ein Kinderzimmer, eingelagerte Erinnerungen in Schachteln, die Zeit, die vergeht. Und irgendwie ist das Leben immer wie ein langer Roadtrip, daher auch eine Referenz zu Jack Kerouac in "Lookers".

Daneben finden sich auch viele religiöse Anspielungen, am offensichtlichsten natürlich in "Bad Catholics", das vom Wiedersehen mit einer verflossenen Liebe bei einer Kirchenpicknick handelt. In "Boy Blue", wo es heißt "No Empty Seats In Eternity". Aber auch in "Black Mass": Da erzählen The Menzingers vom Aus einer Liebe, der Traualtar als Ort des Opfers, massig Interpretationsspielraum. Am Ende der Platte steht aber die Erkenntnis: "After The Party, It's Me And You." Aus dem egoistischen Ich der 20er wird das Wir, das Verantwortung für einen anderen Menschen übernimmt. Ein tröstlicher Gedanke.

Tom May beim Gig in  Lindau (Oktober 2016).
Foto: Daniel Drescher/Tinnitus Attacks
Und dann ist "After The Party" eben auch noch ein Album, das zwar fast schon poppige Melodien hat ("Charlie's Army"), aber eben auch immer den Distortion-Hammer schwingt, bevor es zu nett wird. "On The Impossible Past" war ein moderner Klassiker, es ist nicht zuviel gesagt, das 2010er-Album der Band so zu nennen. Songs wie "Burn After Writing" brannten sich nachhaltig ins musikalische Herz und Hirn ein, kein schwacher Song auf diesem Album. "After The Party" (mit einem grandiosen Cover versehen noch dazu ) kann bestehen neben dieser Platte und überflügelt seinen okayen Vorgänger "Rented World" deutlich.

Seinen Platz in den Bestenlisten der Punkrock-Szene dürfte "After The Party" jedenfalls schon sicher haben.

"After The Party" von The Menzingers ist am 3. Februar via Epitaph Europe erschienen. Hier seht Ihr das Video zu "Lookers". 

Sonntag, 5. Februar 2017

Hörtest: Dave Hause - Bury Me In Philly

Mit Dave Hause und mir, das war Liebe auf den ersten Blick. 2012 beim Pirate Satellite Festival in Stuttgart (das es ja leider nicht mehr gibt) stand Dave auf der Bühne, er war Teil des dreistündigen Akustik-Sets, bei dem auch Chuck Ragan, Tom Gabel (inzwischen besser bekannt als Laura Jane Grace) und Dan Adriano auftraten. Mir ging damals besonders "The Bridge" ins Ohr, das im E-Gitarren-Original von Dave Hause' Band "The Loved Ones" eingespielt wurde ("Build and Burn"). Also musste "Resolutions" her, das Soloalbum, alles von The Loved Ones, und "Devour" wurde dann natürlich überglücklich in die Arme geschlossen.

Das ist jetzt auch schon wieder über drei Jahre her. Und mit "Bury Me In Philly" löst Dave Hause alle Hoffnungen auf ein starkes Album ein. Die Reaktionen, die ich bisher gesehen habe, sind jedenfalls alle positiv und überschwänglich. Mit seinem hemdsärmeligen, ungekünstelten Heartland-Rock ist Dave Hause in seinem Element. Dabei macht er gar nicht viel anders als bei "Devour" (per Klick kommt Ihr zu einem Interview, das ich damals mit ihm geführt hab). Aber warum auch, denn auch auf dem Vorgänger war die Mischung aus Gitarrenpower mit Schub, Daves unverkennbarer Stimme, melancholischem Sinnieren und unpeinlichem Pathos der Marke Springsteen im Grunde perfekt. Wenn man an diesem Longplayer etwas kritisieren will, dann vielleicht, dass etwa "Shaky Jesus" ziemlich exakt so aufgebaut ist wie "The Great Depression" vom Vorgängeralbum und sich sogar die Gitarrenfiguren frappierend ähneln. Trotzdem - mir ist diese Beständigkeit lieber als eine erzwungene "Entwicklung", wie man sie bei anderen Musikern schon hat zu Blödsinn führen sehen. 

Stark an diesem Album ist seine Fähigkeit, dem Hörer Melodien ins Hirn zu setzen, die sich festsetzen und nicht wieder weichen wollen. Das geht beim Opener "With You" los, der mit seiner drastischen Textzeile "Dance With Me We'll All Be Dead Soon" geradezu gespenstisch gut in die aktuelle pessimistische Weltlage passt. Aber Dave wäre nicht Dave, wenn er damit nicht gleich einen Aufruf zum Zusammenhalten, zum Arschhochkriegen verbindet. Auch "The Flinch" schlägt in diese Kerbe. Die Botschaft: Kein Blick zurück, jeder weicht mal zurück, aber künftig gibt es kein Zurückweichen mehr. Mit Hymnen wie "My Mistake" macht Dave Hause Eindruck, hier treffen Haltung und musikalisches Talent aufeinander und es könnte sein, dass dem Musiker aus Philadelphia in Zukunft viel mehr Beachtung zuteil wird (und eben die, die er eigentlich verdient). Mit "Dirty Fucker" gibt es eine mistingkompatible Faustindielufthymne für die Konzerte, aber es gibt auch Momente wie in "Divine Lorraine", wenn es nach Pedal Steel klingt und man das American Songbook aufschlagen und Tom-Petty-Vibes den Raum fluten. 

Der Abschluss mit dem Titeltrack zeigt einen Dave Hause, der seine Herkunft nicht leugnet, sondern mit Stolz auf die Arbeitermetropole verweist, aus der er kommt. Schön, wie hier der Unterschied zu tumbem Patriotismus klar wird. Dave Hause ist jemand, der seine Wurzeln kennt, aber trotzdem in der Welt zuhause ist. Da, wo auch seine Fans sind. 

"Bury Me In Philly" ist am 3. Februar via Rise Records / ADA erschienen. Hier hört Ihr "The Flinch". Wer das ganze Album im Stream hören will: Bei Dyingscene geht das. 

Samstag, 28. Januar 2017

Hör- und Sehtest: Arcade Fire - The Reflektor Tapes

Arcade Fire sind bekannt für ihren Kopfkino-Indierock. Mit "The Reflektor Tapes" sind nun ein Dokumentarfilm und ein Konzertmitschnitt auf DVD und Blu-ray erschienen. Für Fans unverzichtbar, für Neueinsteiger geeignet - allerdings eher für den Gesamteindruck, nicht für den Aufbau von Indielexikon-Wissen. 

Eins vorweg: Wer sich von "The Reflektor Tapes" tatsächlich eine Dokumentation über das Entstehen des Doppelalbums "Reflektor" von 2013 erhofft, könnte hier enttäuscht werden. Regisseur Kahlil Joseph inszeniert den Film ganz anders, als man vielleicht erwartet hat. Es gibt zwar eingestreute Informationen, hier mal eine Einblendung, wann wir uns gerade wo befinden, dort ein Statement von Win Butler und Regine Chassagne, die sich ja nicht nur die Bühne, sondern auch das Leben als Ehepartner miteinander teilen. Aber es wirkt, als wollten Arcade Fire nicht zuviel preisgeben, Interpretationsspielräume offenlassen und sich nicht über die Maßen erklären. In einer Zeit, in der gefühlt jede zweite Band ihre eigene Doku über das nicht unbedingt relevanteste Album veröffentlicht, ist das ein gleichermaßen unkonventioneller wie bescheidener Ansatz.
Foto: Tinnitus Attacks

Trotzdem erfährt man etwas über die besondere Beziehung der Band zu Haiti, von wo Regine Chassagnes Eltern stammen. Und wenn man den Film dann mal gesehen hat, hört man die Platte mit ihren Percussion-Einflüssen und Gastmusikern aus dem Inselstaat ganz anders. Und es wird auch deutlich, wie sehr eine Reise nach Haiti Win Butler, den Frontmann der Band, geprägt haben. An der Hinwendung zu tanzbareren Rhythmen, elektronischen Versatzstücken auf "Reflektor" hat sich mancher Fan gestört. Doch hier wird deutlich, warum die Band ihren Klangkosmos erweitern wollte. 

Visuell ist "The Reflektor Tapes" trippig, rauschhaft und sehr künstlerisch gehalten. Auch damit ist der Film ganz anders als die typische Dokumentation, die von authentischen Bildern lebt. Aber es passt gut zum künstlerischen Ansatz der Band. Zudem lässt sich der Film so auch als Kunstwerk genießen, den man wohl öfters einlegen wird als eine Doku, in der endlos geredet wird. 

Auf der zweiten DVD findet sich ein Mitschnitt vom Auftritt im Earls Court in London 2014. Auch hier sind die Bilder eher träumerisch, sehr bunt und viel ästhetisierter als bei anderen Konzertmitschnitten. Klar, hier geht es ja auch nicht darum, einen Soli peitschenden Gitarrenhexer möglichst toll in Szene zu setzen. Arcade Fire waren schon immer eine Band, die den Konzertgänger visuell überwältigt und unheimlich viel fürs Auge bietet - ohne dabei an musikalischer Klasse zu sparen. Und wie sich hier emotionale Wahnsinnsabfahrten wie "No Cars Go" mit Discofizierten Songs a la "We Exist" zu einem großen Ganzen vermischen, ist stimmig.
Foto: Tinnitus Attacks

Als Extras gibt es auf DVD eins die Promo-Clips zu den Singles des Albums sowie einen Mitschnitt von "Afterlife" bei den Youtube-Award, auf DVD 2 die "Director's Cut Tracks". Insgesamt finden sich über vier Stunden Material auf den zwei DVDs, die in einem schön aufgemachten Pappschuber kommen. 

"The Reflektor Tapes" von Arcade Fire ist am 27. Januar via Universal auf DVD und Blu ray erschienen. 

Hier könnt Ihr Euch einen Eindruck verschaffen: